• vom 04.09.2016, 17:30 Uhr

Glossen


Holger Rust

Etablierte Avantgarde




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    Ausnahmsweise muss ich mich heute mal aufregen. Warum? Weil wieder einmal anlässlich einer der ungezählten Reportagen über Investitionen in Sachwerte von einem dieser Künstler die Rede war, deren Bilder für Zehntausende gehandelt werden, und wieder einmal einer den Standardsatz hinstöhnte: "Hätte ich damals nur gekauft. Ich kannte ihn gut. Für ein Abendbrot und zwei Achtel bot er seine Werke an. Hätte ich nur!"

    Hatte er aber nicht. Haben wir fast alle nicht, bis auf ganz Wenige, die mehr aus Zufall das sperrige, innovative, rebellische, waghalsige und junge Werk kauften, von dem die meisten anderen sagten: Wie soll das in die Einrichtung passen? Aber sie waren jung, und dabei umso waghalsiger als sie kaum das Geld hatten. Trotzdem. Irgendwas machten sie richtig.

    Information

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hamburg.


    Denn viele dieser wagemutig erworbenen Desginstücke sind statusschwere "Klassiker" geworden, vor allem die Einrichtungsgegenstände nachmals berühmter Designer der 30er, 40er und 50er Jahre, die längst zigtausendfach von illustren Firmen in Lizenzen weitergebaut werden: Liegen, Sessel und Lounge Chairs mit Ottomanen, Lampen und Beistelltische. Dass sie nun Klassiker sind, sieht man daran, dass weltweit billige Nachbauten auf den Markt kommen, Design-Generika für Parvenüs, denen außengeleiteter Geschmack mehr gilt als eigenes Urteil und die Avantgarde nur interessiert, wenn sie schon etabliert ist.

    Was geht uns das eigentlich an? Nun, es gibt ein Problem: die ausschließliche Verliebtheit in klassische Avantgarde führt zur Überalterung des Geschmacks, weil der Blick verstellt wird für das, was heute widerspenstig, rebellisch, waghalsig ist. Und das Gejammer wird wieder losgehen, in 20 oder 30 Jahren, wenn die dann älter gewordenen heutigen Jungen immer noch nur in den alten Klassikern leben und bekümmert die Mutlosigkeit beklagen, das revolutionäre Design ihrer eigenen Generation übersehen zu haben.

    Dabei wäre es so einfach, nach den neuen Originalen zu fahnden, in den Hinterhofgalerien, nur eben nicht in Wien und Berlin, Mailand und Barcelona, sondern auch in Dornbirn, Zwettl, Eisenstadt. In den Kunstarealen der Nichtarrivierten, in umgewidmeten Lagerhallen oder Werkstätten der Industriebrachen und den Start ups, die sich ausnahmsweise mal nicht nur um Apps bemühen, mit denen man Apps findet, um Apps zu verwalten. Einfach mal dem eigenen Geschmack zu folgen, dem überraschenden Impuls.

    Wie sagten schon Konfuzius, Seneca, Goethe, Shakespeare und Peter Drucker so richtig: Ohne dass die Mutigen tun, was sie für richtig halten, wird nichts weitergehen. Kryptische Mitteilung, aber irgendwie inspirierend. Machen wir also den Anfang und platzieren selbstbewusst das neue Designstück ins klassische Ambiente, um bei den Besuchern die kleine knirschende Irritation zu erzeugen, die daraus entsteht, dass es ihnen nicht gelingt, den Marktwert zu beziffern. Das ist ein bisschen böse, stimmt. Macht aber Spaß.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2016-09-02 15:41:02
    Letzte Änderung am 2016-09-02 17:05:06



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