• vom 15.10.2016, 11:00 Uhr

Glossen


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Bürgerliches Zahlungsritual




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Das Leben stellt uns oft entscheidende Fragen. In der Gastronomie treten diese allerdings gehäuft auf. "Mit Schlagobers oder mit Milchschaum?" heißt es in der Aida, "Süß oder scharf?" am Würstelstand, "Naturtrüb oder normal?" im Wirtshaus. Die Frage aller Fragen folgt allerdings ab zwei Personen, die an einem Tisch beisammen sitzen, zum Schluss: "Zusammen oder getrennt?"

    In manchen Zweierkombinationen kann es in dieser Phase des kurzen Beisammenseins durchaus zu kleinen Aussetzern in der Gesprächsführung kommen. In einem Kaffeehaus, das ich mit einiger Regelmäßigkeit aufsuche, passieren derartige Aussetzer in schöner Regelmäßigkeit. Meist bei Damen vorgerückten Alters und recht bürgerlicher Herkunft. Sie haben eine Weile angeregt miteinander geplaudert: über den jüngsten Opernbesuch und die bestürzend moderne Inszenierung, über die Parkplatzsituation und die unaushaltbaren Zustände in den öffentlichen Verkehrsmitteln und über gemeinsame Freundinnen, die immer seltsamer werden, "Findest du nicht auch?". Und wie es sich wunderbarerweise so fügt: Beide sind die ganze Zeit über völlig einer Meinung.


    Irgendwann sagt dann eine von beiden: "Jetzt ist es aber wirklich spät geworden!" Ihre Gesprächspartnerin pflichtet sofort bei, und es wird zum Zahlen gerufen. Die Kellnerin kommt und stellt die - wohl von beiden Damen erwartete - Frage. Ein kurzes, peinliches Schweigen tritt ein. Alsdann eröffnen sich mehrere Möglichkeiten.

    Entweder ein resolutes "Getrennt!" von zumindest einer Seite. Beide zücken ihre Geldbörsen, suchen konzentriert nach den passenden Münzen, die Erste zahlt, die Zweite auch - versuchend, trinkgeldmäßig mitzuhalten. Die Kellnerin bedankt sich, verlässt die Szene, und die beiden Damen können einander wieder in die Augen blicken, das Gespräch aufnehmen und zu den Beendigungspräliminarien übergehen: "Du, das war aber nett jetzt!" im Verbund mit "Das mach ma wieder, gell?"

    Die andere Variante ist ein meist ebenso bestimmtes "Das zahl ich jetzt." Worauf die Tischgenossin mit einem "Du, das geht doch nicht!" kontert. Wie ernst gemeint dieser Versuch ist, hört man unschwer an der Intonation. Das Wechselspiel von "Zahl ich"/"Geht nicht" kann noch ein-, zweimal wiederholt werden, bis dann "Zahl ich" die Oberhand behält und dafür ein "Beim nächsten Mal bin aber ich dran" einstecken muss.

    Das ist eben der Nachteil der gesellschaftlichen Regel gehobener Kreise, dass man über Geld und Zahlungsmodalitäten nicht redet: Bei "Zusammen oder getrennt" kann’s unangenehm werden. Ein erlaubter Kunstgriff ist allerdings der Gang auf die Toilette gegen Ende der Zusammenkunft in der Hoffnung, bei der Rückkehr sei "alles geregelt". Ist dem so, dann bleibt nur noch ein "Das wär aber nicht nötig gewesen" zu sagen, und man kann wieder beruhigt auseinandergehen.




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    Dokument erstellt am 2016-10-14 15:41:09


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