• vom 02.12.2016, 17:28 Uhr

Glossen

Update: 06.12.2016, 15:38 Uhr

Glossenhauer

Das komplizierte Volk




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Alle reden vom Volk. Oder übers Volk. Was es will und was es nicht will. Wir reden ausnahmsweise einmal mit ihm.

He, Volk! Darf ich einmal was fragen?

Was ist das für eine Anrede? "He Volk!" Da kannst mich gleich buckelfünferln. Wir wär’s mit einem Titel?


Gerne, aber welcher? Hast du was studiert? Doktor Volk? Oder . . .Studiert? Bist hinig in der Marille? Ich bin ganz einfach, verstehst?

Alles klar. Oh Volk, ehrwürdige Einfachheit.

Na bitte, geht doch.

Darf ich dich mal was fragen?

Ja. Wenn’s nicht zu kompliziert ist.

Nein, darum geht’s auch: Warum bist du eigentlich immer so einfach? Warum magst du am liebsten Sachen, die so ganz simpel sind?

Was meinst du? Wurstsemmeln?

Nein. Ich denke da eher an Zeitungen, Politiker, Musik . . . da drängt sich der Eindruck auf, je simpler etwas gestrickt ist, desto lieber hast du’s.

Aha! So einer bist du! Einer von denen, die was immer einem was vorschreiben wollen. Nicht Auto fahren, nicht rauchen, keine fetten Sachen essen. Und wenn man einen Schwulenwitz erzählt, dann wechselst gleich die Farb’.

Das stimmt doch gar nicht.

Ah, nein? Na, dann pass auf: Was ist der Unterschied zwischen einem Big Mäc und einer Schwuchtel . . .

Bitte! Das heißt "Homosexueller".

Na, sag ich doch. Willst mir schon wieder was vorschreiben! Willst den Witz jetzt hören oder nicht?

Eher nicht.

Na, siehst. Bist ein ganz ein G’scheiter, gell?

Was ist an g’scheit sein so schlecht?

Na nix. Solang’ man’s nicht merkt.

Aber man muss doch versuchen, g’scheit zu sein, in einer Welt, die so komplex ist, oder?

Was hat’s denn für einen Komplex?

Kompliziert. Die Welt ist kompliziert. Unterschiedliche wirtschaftliche und politische Interessen überlagern einander, das Klima erwärmt sich, die Industrie steht vor einem technologischen Sprung, man kann heute kaum überblicken, wie das alles sich auf die Zukunft auswirken wird und . . .

. . . und dann kann man sich es doch auch gleich ein bisserl leichter machen.

Wie soll das gehen?

Na schau: Das Haus ist noch nicht abbezahlt; die Frau will ein neues Auto; die Tochter die neuen Turnschuh’, weil sie sonst glaubt, die Welt geht unter; mein Bruder ist arbeitslos; der Nachbar, die blöde Sau, steht immer auf meinem Parkplatz; im Job soll ich fürs selbe Gehalt plötzlich 20 Prozent mehr liefern; der letzte Urlaub war eine Katastrophe; die Gefriertruhe muss abgetaut werden; nächstes Wochenende kommt die Tante zu Besuch, zum Arzt muss ich auch, und wenn ich die Nachrichten seh, kommt mir überhaupt das Speiberte.

Ja . . . und?

Und? Und deshalb bin einfach froh, wenn mir einer sagt, wer am ganzen Schlamassel schuld ist. Das Leben ist eh schon kompliziert genug.

Aber das bringt doch nichts!

Das ist mir wurscht. Dafür kenn ich mich aus, und es ist übersichtlich: Die Ausländer sind kriminell. Die Frauen sind Maderln, und wenn nicht, sind’s Trampeln. Die Kinder sollen die Goschen halten. Unsere Berge sind die schönsten der Welt, und Marcel Hirscher soll Bundeskanzler werden. So ist’s. Verstehst?

Aber da machst du es dir doch ziemlich einfach, oder?

Ich bin ja auch das einfache Volk.

Logisch. Danke für das Gespräch.

Eh. Geh scheißen.




Schlagwörter

Glossenhauer, Politik, Medien, Klima, Volk

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-02 17:33:03
Letzte Änderung am 2016-12-06 15:38:03


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