• vom 27.04.2017, 16:20 Uhr

Glossen


Integration

Die sind einfach nicht integrierbar - die Gstopften




  • Artikel
  • Kommentare (8)
  • Lesenswert (168)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Und Stiefel, die mehr kosten, als eine Supermarktkassierin im Monat verdient, gehören sowieso endlich verboten. Weil ich sie mir nicht leisten kann.



Die Politik hat sich echt viel zu wenig um die Integration gekümmert. Das ist mir grad wieder deutlich bewusst geworden. Bei einem Spaziergang. Mit meinem Lieblingsarbeitslosen.

Dabei haben wir uns nämlich in ein Grätzel von Wien verirrt, in dem wir uns überhaupt nimmer wie in Österreich gefühlt haben. Sondern fremd im eigenen Land. Lauter Läden mit irgendwelchen ausländischen Namen: Gucci, Valentino, Louis Vuitton . . . Vorm Schaufenster eines Herrenausstatters haben wir uns plötzlich total abgehaut. Bernard G. (sein richtiger Name ist in seinen personalisierten 25-Euro-Gürtel aus China eingraviert): "Gib da de Bodehosn! I pock’s ned." Wieso? War sie mit glutenfreien Diamanten bestickt? Nein, eh einfach blau. Aber der Preis. Hallo? 890 Euro! Tja, vielleicht hatte man die Polyesterraupen, aus deren Kokons die feine Faser für den Stoff gewonnen worden war, nur mit Kaviar gefüttert und mit Champagner getränkt.


Wenn Simmering "Little Istanbul" ist, was ist dann der erste Bezirk? Little Monaco? Die leben da eindeutig nicht so wie wir. Wollen sich partout nicht anpassen. Bleiben lieber unter sich. Oder glaubt irgendwer, die würden mit diesem Badehoserl ins Gänsehäufel gehen? Die Gstopften. Die gehören alle ausgewiesen. Die würde ohnedies keiner vermissen. Nicht einmal der Finanzminister. Steuern zahlen sie sowieso keine. "Kane Fake-News, bitte. Wenn die Steuern vermeiden wollten, würdens ka Badehosn um 890 Euro kaufen. Da wärens ja blöd. Da zahlens 150 Euro Mehrwertsteuer! Nein, sie täten zu einer vom H&M greifen." Der Bernard kennt sich eben aus. Er war früher Topmanager. Doch mit 51 hat er den Ausstieg aus dieser Parallelgesellschaft geschafft. Also aus den Armani-Anzügen. Und wie? Na ja, er ist arbeitslos geworden.

890 Euro - das ist mehr als die Mindestsicherung! Allein mit dem Geld für die rechte Pobacke dieser Badeshorts könnte ich meinen 15 Jahre alten 3D-Fernseher durch einen neuen ersetzen, bei dem der Ton nicht dauernd ausfällt. "Vor 15 Joa hot’s scho 3D-Fernseher gebm?" - "Jo. Und meiner is besonders dreidimensional. An hoibm Meter is der tiaf. Und des Büd is in Ultra Low Definition. Trotzdem reduzierens ma ned die GIS-Gebühr." He, kennen Sie den? Kostet ein Schuhlöffel 219 Euro. "Wos hot deiner gekostet, Bernard?" - "Nix. Den hams damals gratis ausgeteilt. In da Business-Class." - "Plastik passt eh besser zu deine verhatschten AND-1-Schuach." - "Wie i die gekauft hob, do hot da Michael Jordan noch Basketball g’spüt." - "Und wos spüt er jetzt?" - "Wahrscheinlich Golf."

Letzte Station: Versace. "Die Stiefel! 1.350 Euro! Von denen fühl i mi als Notstandshilfeempfänger persönlich verhöhnt." Hm. Über eine Frau mit Burka regen sich die Leute immens auf, eine, die Versace-Stiefel trägt, ist kein Problem. Außer wenn sie einen Pelzmantel auch noch anhat. Dann tun einem zumindest die armen Viecher leid. "Du, i hoit den Anblick ned länger aus." Ich schon. Ich hechle die geilsten Stiefel im Universum an. Haben will! Offenbar eine spontane Radikalisierung. Ich bin kurz davor, meinen Überziehungsrahmen mit beiden Händen zum Fenster rauszuwerfen (oder eigentlich beim Schaufenster rein). Der Bernard muss mich wegzerren. Oh, mit dem, was ich mir durch meinen Verzicht auf die Stiefel erspart habe, und wenn ich noch 29 Euro drauflege, geht sich nun ein 65-Zoll-Curved-UHD-Fernseher aus!




8 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-27 16:24:09


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Liebe mit der Erde machen
  2. Echt jetzt?
  3. Mein Fehler!
  4. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  5. Antike Comicstrips
Meistkommentiert
  1. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
  2. Versunkene Wortschätze
  3. Die neue Art, Gesellschaft zu verstehen
  4. Vorweihnachtszauber
  5. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt

Werbung




Werbung