• vom 23.07.2017, 11:00 Uhr

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Hallo Handy-Leser!




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Von Gerald Schmickl


    Immer und überall . . . Ein Cartoon von Wolfgang Ammer.

    Immer und überall . . . Ein Cartoon von Wolfgang Ammer. Immer und überall . . . Ein Cartoon von Wolfgang Ammer.

    "Unser Problem heißt Handy", sagte der israelische Dirigent Omer Meir Welber kürzlich in der Österreich-1-Sendung "Gedanken". Er meinte damit aber nicht das Störgeräusch im Konzert, wenn wieder einmal jemand vergessen hat, sein Mobilgerät abzuschalten, sondern: "Wir müssen etwas bieten, was die Leute nicht aus dem Handy kennen - und auch nicht kennen können." Er bezog sich also darauf, dass auch klassische Musik heutzutage vielfach mit dem kleinen Ding gehört wird. Und dass ein Konzertbesuch ein sinnliches, ja synästhetisches Erlebnis sei, das eine völlig andere Qualität vermitteln können muss als eine klangreduzierte MP-3-Wiedergabe.

    Damit war die Konfrontation, die weit über Konzertsäle hinausreicht, benannt: Wirklichkeit versus ihre mediale Simulation im Smartphone. Dieses Problem betrifft ja mittlerweile nicht nur die Musik, sondern nahezu alle Bereiche, die mit ihrem buchstäblich minimierten Abbild in Konkurrenz treten müssen, wie etwa Zeitungen, deren Artikel zunehmend in iOS- oder Android-Versionen gelesen werden. Hallo Handy-Leser: Willkommen bei dieser Glosse! Bitte nicht vertreiben lassen durch eine vermeintliche Kulturkritik, die gar keine sein will! Sie will nur die Aufmerksamkeit schärfen für ein Phänomen, das so rasch so selbstverständlich geworden ist, dass man es in seiner Singularität gar nicht mehr richtig wahrnimmt.


    Auch wenn Handy-Glossen ein wenig(er) originelles Thema sind, müssen sie von Zeit zu Zeit geschrieben werden - einfach, um den phänomenalen Siegeszug dieses Gerätes wieder bewusst zu machen, das innerhalb kürzester Zeit nahezu alle menschlichen Funktionen in sich vereint hat: Man kann damit sehen, hören, lesen - und fast schon denken.

    Eine kurze U-Bahnfahrt reicht aus, um - mit möglichst eigenen Augen - zu erkennen, dass sich hier ein Medium gegen alle anderen durchgesetzt hat. Ich habe es kürzlich verabsäumt, mit meinem Handy bildlich festzuhalten, wie sämtliche Passagiere, die sich mit mir noch im Waggon befanden, mit ihren Mobilgeräten beschäftigt waren. Ich war zu langsam dafür, da ich als Einziger mein Gerät noch nicht in der Hand hatte, sondern erst herausfingern musste.

    Solch eine Besessenheit - im wahrsten Wortsinne - hat es nicht einmal zu den auflagenstärksten Zeiten der "Krone" gegeben, die selbst als Fast-Monopolist am Boulevard niemals eine derartige öffentliche Präsenz in Verkehrsmitteln aufweisen konnte. (Heute sieht man sie in Österreich dort ja kaum noch . . .)

    Nun gibt es als Begleiterscheinung zum ausgiebigen Handy-Gebrauch jede Menge an Alarmismus, wovon das meiste vermutlich übertrieben ist, manches möglicherweise aber auch nicht. Was dieses Gerät mit und aus uns macht, wird man erst in einiger Zukunft wissen, da erst dann ein halbwegs objektivierter Blick auf die jetzige Zeit möglich sein wird, die dann vielleicht sogar diesen Namen trägt: Nachfolgende Generationen werden wohl mit einiger Verwunderung auf die Smartphone-Epoche zurückblicken. Fragt sich nur: womit?




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    Dokument erstellt am 2017-07-20 17:51:06


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