• vom 28.09.2017, 16:47 Uhr

Glossen


Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz

Jetzt haben also auch wir unsere Sittenwächter




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Aber werden die vor allem den gesundheitsbewussten asiatischen Touristen unter den Mundschutz schauen (weil es von denen einfach mehr gibt)?



Mir tun diese Männer ja leid. Dürfen bloß in Begleitung ihrer Ehefrau raus. (Oder mit der Mutter oder Schwester.) Damit sie sich nicht verlaufen oder derstessen. Schließlich sehen sie nix. Mit der schwarzen Augenbinde.

Augenbinde? Wieso tragen die so was Unpraktisches, das sie daran hindert, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Na, aus religiösen Gründen. Weil ihre Religion es ihnen halt nicht gestattet, eine andre Frau anzuschauen als ihre eigene. Außerdem verbinden sie sich die Augen aus freien Stücken. Sonst bekämen sie nämlich gar keinen Ausgang. Und jetzt will ihnen so ein deppertes Gesetz dieses letzte Fleckerl Freiheit, dieses emanzipatorische Stückerl Stoff, ebenfalls noch wegnehmen. Wegen der Integration. Nein, ich mach nur Spaß. In Wahrheit müssen sich natürlich ihre Frauen freiwillig verhüllen. Die dafür komplett. Weil sonst verwandeln sich sämtliche Männer in ihrer Nähe in willenlose Sexzombies. Beim Anblick ihrer Haare zum Beispiel. (Bestehen die nicht aus demselben Material wie den Männern ihre? Aus Keratin?)


Ab Oktober ist damit endlich Schluss. Ach, weil dieses Gesichtsverhüllungsverbot alle superkonservativen Muslimas dann gleich zu lebenslangem Hausarrest verurteilt? Blödsinn. Okay, ab Sonntag patrouillieren die Sittenwächter auf den Straßen. Und bei uns ist es eben Sitte, dass auch die weibliche Bevölkerung ein Gesicht hat. Mit Kleidervorschriften hat das aber nichts zu tun. Anziehen darf man ja trotzdem alles. Sogar eine Burka. (Sofern man vorher beim Kopf ein mindestens 15 Zentimeter hohes Fensterl rausschneidet.) Und wenn eine partout den Vorhang zuziehen will, als wäre sie in Saudi-Arabien daheim und die Religionspolizei wär hinter ihr her? Null Problemo. (Und die Saudis werden eh immer moderner. Hallo? Demnächst wird die erste Frau den Führerschein machen! Bald leben die im . . . Spätmittelalter!)

Das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz (AGesVG) wird jedenfalls folgendermaßen exekutiert (hingerichtet?): Die Vollverschleierte wird zuerst behutsam darüber aufgeklärt, dass sie grad eine Verwaltungsübertretung begeht, die mit bis zu 150 Peitschenhieben, Tschuldigung: Euro geahndet wird, und aufgefordert, ihren Vorhang, den Niqab, abzuhängen. Setzt sie die strafbare Handlung stur fort, geht’s zur Polizeistation, wo sie vor einer Beamt-in kurz den Schleier lüftet (äh, akzeptieren wir damit nicht die Regeln der Parallelgesellschaft, also die Geschlechterapartheid?), und sobald diese sie identifiziert hat und der richtige Name auf der Organstrafverfügung steht, kann sie anscheinend gehen und die Verwaltung weiterhin übertreten. Die Rechnung schickt sie später diesem algerischen Millionär. Kommt der auch für die Arztkosten der Beamten auf, wenn die bei ein und derselben Niqab-Trägerin bis zum Burnout die immergleiche Identität feststellen müssen? Ja, was passiert im Wiederholungsfall? Sechs Wochen Niqab-Entzug und ein Wertekurs? Nicht? Den Führerschein dürfens dir abnehmen, aber nicht den Niqab, der viel mehr gefährdet als die Verkehrssicherheit, nämlich die Gleichstellung von Mann und Frau?

Blöderweise hat man das AGesVG so neutral formuliert, dass sich keiner diskriminiert fühlen kann. Nun sind die Atemschutzmasken der asiatischen Touristen ebenso verboten. Außer aus gesundheitlichen Gründen. In Zukunft wird sehr oft Smogalarm ausgelöst werden müssen.




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Dokument erstellt am 2017-09-28 16:51:05


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