• vom 15.10.2017, 11:00 Uhr

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Antiker Wahlgang




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Von Mario Rausch


    Dieses Wochenende ist es wieder soweit: die Bürger Österreichs sind aufgerufen, ihre politischen Vertreter zu wählen und so eines ihrer zentralen demokratischen Rechte wahrzunehmen. Damit wandeln sie auf den Spuren jener Männer, die schon vor rund 2500 Jahren die Geschicke ihres Gemeinwesens bestimmt hatten: die Wurzeln der "Herrschaft des Volkes" (altgriechisch demokratia) liegen im alten Griechenland. Wer meint, dass es damals so zuging wie heute, irrt aber gewaltig.

    Die Stadtstaaten der Antike ermöglichten eine Form der direkten Demokratie, die dem Bürger unmittelbar Anteil am politischen Entscheidungsprozess gab. Politische Parteien im heutigen Sinn existierten noch nicht, vielmehr waren alle Wahlberechtigten aufgerufen, in regelmäßigen Abständen ins Bürgerparlament zu kommen und gemeinsam über die Belange des Staates abzustimmen.

    Dass derartige Versammlungen möglich waren, lag an der vergleichsweise geringen Bürgerzahl der altgriechischen Stadtstaaten (Poleis): Athen, eine der größten und politisch einflussreichsten Poleis, zählte zu ihrer Blütezeit etwa 30.000 Vollbürger. In Athen und Attika lebten damals zwar deutlich mehr Menschen, doch Frauen, Ausländer und Sklaven hatten keine politischen Rechte und waren mithin auch von den Volksversammlungen ausgeschlossen.

    Um den tausenden Stimmberechtigten Platz zu geben, schuf man eine eigene Freiluftarena auf dem Hügel Pnyx gegenüber der Akropolis. Hier konnte prinzipiell jeder athenische Bürger das Wort ergreifen und politische Anträge einbringen. In der Praxis waren dies allerdings nur Männer, die als Demagogen (wörtlich: "Führer des Volkes") fungierten. Wobei der Begriff anfangs keinen negativen Beigeschmack hatte, diesen bekam er erst im Laufe der Zeit, als immer wieder politisch unverantwortliche Männer vor die Volksversammlung traten und dem Gemeinwesen mit ihren Anträgen schadeten.

    Natürlich mussten die Massenversammlungen vorbereitet und moderiert werden. Diese Aufgabe oblag den Angehörigen des "Rates der 500", der von Vertretern der zehn politischen Bezirke beschickt wurde. Diese "Volksversammlung im Kleinen" legte die Tagesordnungspunkte der Versammlungen aller Bürger fest; ein Teil der Ratsherren hatte dort auch den Vorsitz.

    Hohe Staatsämter wurden auf höchstens ein Jahr vergeben und mit strengen Auflagen versehen; nicht wenige Kandidaten fürchteten die strengen Auswahlverfahren und die Rechenschaftspflicht. Niemand wollte sich beim Volk unbeliebt machen, drohte im Extremfall doch die Verurteilung durch das Scherbengericht (ostrakismos) und der Gang ins politische Exil.

    Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2017-10-12 16:51:09
    Letzte Änderung am 2017-10-12 17:07:33


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