• vom 22.11.2017, 16:34 Uhr

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Update: 23.11.2017, 12:20 Uhr

Maschinenraum

Mit Rasanz in die Sackgasse




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Für manche ist er ein Faszinosum, für andere ein Mahnmal verirrter Zukunftsvisionen: der neue Tesla Roadster.



Höchstgeschwindigkeit: 402 Stundenkilometer. Drehmoment: 10.000 Newtonmeter aus drei Motoren. Beschleunigung: In 1,9 Sekunden auf 100 km/h, eine Viertelmeile liegt nach 8,8 Sekunden hinter Fahrzeug und Fahrer, die 200-km/h-Marke erreicht dieses Geschoss in einer Zeitspanne, in der Konkurrenten gerade einmal die halbe Geschwindigkeit am Tachometer ablesen können. Die Rede ist vom neuen Tesla Roadster, dem zweiten Sportwagen des Automobilherstellers. Eventuell handelt es sich um das furioseste Serienauto aller Zeiten, mit Gewissheit aber um das beschleunigungsstärkste. Es ist, wie alle Teslas, rein elektrisch angetrieben. "Die Zahlen klingen verrückt, aber sie sind wahr!", überschlug sich Firmengründer Elon Musk bei der Präsentation vor Begeisterung. Neutrale Experten halten das für ein Ablenkungsmanöver. Aber dazu später. Denn zuvor sei festgehalten, dass es in diesem Kontext genau eine Benchmark gibt, die auch eher vorsichtigen Autofahrern wie mir Respekt abringt: eine Reichweite von über tausend Kilometer. Mit einer Batterieladung (Kapazität: 250 Kilowattstunden). Das ist, wenn ich nicht irre, neuer Rekord. Wobei das ja gerade bei einem offenen Roadster - gut, der Tesla hat auch ein elegantes Schiebe-Dach, ist also eigentlich ein Targa - von eher marginaler Bedeutung ist. Kein Mensch fährt mit solch einem brutalen Prügel kurz mal nach Venedig (und zurück), um auf dem Markusplatz einen Kaffee zu schlürfen. Oder doch? Jedenfalls setzt hier Tesla ein klares Signal: Die E-Car-Kompetenz liegt ungebrochen bei uns, wir schrauben die Reichweiten höher und höher, vertraut unserer Vision!

Aber man fragt sich schon: Meinen die das ernst? Was die Menschheit anno 2017 - oder, präziser: 2020, früher ist man nicht lieferfähig - sicher nicht benötigt, ist ein weiterer Supersportwagen. Mit Fähigkeiten, die abseits gesperrter Rennstrecken nicht einmal ansatzweise Sinn machen. Anders sehen das wohl Elon Musk und das Heer der Tesla-Aktionäre - denen kommt das High-End-Nischenmodell gerade recht. Es verstellt nämlich wunderbar die Sicht auf die akuten Probleme des hoch gehandelten Newcomers Tesla: massive Fertigungs- und Lieferschwierigkeiten beim Massen-Modell 3, wachsende Skepsis vieler Aktionäre, zunehmender Konkurrenzdruck durch Automobil-
Giganten wie Volkswagen, BMW oder Daimler-Benz. Wache Geister stellen sich zudem die Frage, ob die elitäre elektrifizierte Indiviualverkehrs-Karte, die Musk spielt (auch wenn er sie mit der Idee pfeilschneller, unterirdisch verkehrender "Hyperloop"-Züge konterkariert), nicht in eine Sackgasse führt. Ein Tesla Roadster wird nicht die Verkehrsprobleme der nahen Zukunft lösen, sondern immer nur ein Spielzeug für stinkreiche, angegraute Buben bleiben. Es soll uns aber recht sein, wenn es die Börsenfinanzierung des Herstellers sichert.


Denn eigentlich wollte Elon Musk bei der Vorstellung des Roadsters - der aus dem Laderaum eines Lastawgens fuhr - die Aufmerksamkeit auf eben diesen lenken: den Semi genannten ersten Elektro-Großraumtransporter aus dem Hause Tesla. Der 40-Tonner hat "nur" 800 Kilometer Reichweite, aber einen klaren Vorteil: Er ist die Antwort auf eine Frage, die viele Menschen auf diesem Planeten auch wirklich gestellt haben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-22 16:38:09
Letzte Änderung am 2017-11-23 12:20:04


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