• vom 26.11.2017, 16:00 Uhr

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Junk-Emails

Halbseidene Avancen




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Von Hermann Schlösser




    Seit ein paar Wochen wird mein privater Email-Account mit Junk-Mails beglückt. An manchen Tagen flattern zehn bis zwölf davon herein, und ich brauche sie gar nicht zu öffnen, um herauszufinden, worum es dabei geht. Alles Nötige steht in den Betreffzeilen: "Bereit, die Eine zu treffen", oder "Hey, jemand möchte mit Dir chatten". Und das sind die harmloseren Aufforderungen. Die meisten lassen sich in einer ehrbaren Tageszeitung gar nicht zitieren, denn sie gehören eindeutig in die "NSFW"-Kategorie. (Mit diesem Kürzel, das für not suitable for work steht, werden bekanntlich Online-Nachrichten oder -Bilder versehen, die man als anständiger Angestellter im Büro besser nicht anschaut.)

    Ich habe den halbseidenen Avancen zunächst keine große Aufmerksamkeit geschenkt, sondern sie als Spam klassifiziert und danach gelöscht. Aber die Hoffnung, dass die immer gleichen Ansinnen irgendwann automatisch im Spam-Ordner landen würden, hat sich bisher nicht erfüllt. Jede neue Nachricht wird nämlich von einem Account mit eigenem Namen abgeschickt. Es versteht sich, dass es sich dabei nicht um reale Personen handelt, sondern um Fiktionen, die der maschinell generierten Versuchung einen Hauch von schöner Menschlichkeit verleihen sollen. Umso kurioser ist jedoch, dass hier keine Allerweltsnamen wie Gabi, Nicole oder Karin zum Einsatz kommen, sondern hochtrabende wie "Athala" oder "Berthild", und zuweilen auch knorrige Mannesnamen wie "Eginhard" und "Raginwald".


    So lästig das Ganze auch ist - diese absurde Namensparade hat doch einen gewissen Witz (obwohl sie vermutlich gar nicht witzig gemeint ist, sondern einfach einem algorithmischen Random Choice entsprungen ist). Wie oft bekommt man schon Post von einem Absender namens Raginwald? Und manchmal bildet der seltene Name auch einen ironischen Kontrast zur ordinären Message, mit der er sich verbindet. Eine der Kunstfiguren heißt zum Beispiel "Cundrie", wie die kluge Gralsbotin aus dem "Parzival". Dabei hat sie nichts anderes zu melden als: "Boyfriend ist bei den Eltern, bin zum Sex bereit". Und der Sirenengesang "Ich könnte deine geheime Liebhaberin sein. Bin verheiratet, 25 Jahre alt, Brünette mit Modellmaßen" gewinnt (wahrscheinlich ungewollt) einen zeitgeistigen Transgender-Touch, wenn ein "Dietrich W." als Absender firmiert.

    Da ich diese unerwünschten Mails allesamt ungelesen lösche, weiß ich nicht, was hier angeboten oder angerichtet würde, wenn man sie öffnen würde. Ich weiß aber, dass es nicht nur um das Eine geht. Manchmal steht in der Betreffzeile auch: "Anleitung zum leichten Einkommen" oder "Unglaublich leichtes Geld für dich". Diese Aussichten sind zwar weniger obszön als das Vorherige, aber seriöser sind sie nicht. Wenn man nicht ohnehin wüsste, dass "leichtes Geld" nicht einfach via Email ins Haus strömt, würde man es wiederum an den Absendern erkennen. Denn auch die dubiosen Anlage-Tipps werden von Kunstfiguren wie "Agnethe L.", "Othild L." und "Hrotger H." verschickt.




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    Dokument erstellt am 2017-11-24 13:26:06


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