• vom 25.11.2017, 17:00 Uhr

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Raffaels Antike




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Von Mario Rausch


    "Dieser hier ist Raffael, von dem die große Mutter der Dinge (die Natur, Anm.) fürchtete übertroffen zu werden, solange er lebte, und mit ihm zu sterben, als er starb." So lautet der Nachruf auf Raffaels Grab. Der als geradezu überirdischer Künstler Gehuldigte zählte mit Leonardo da Vinci und Michelangelo zu den bedeutendsten Vertretern der Hochrenaissance und war, wie diese, ein Universalgenie. Auch hatte er in Rom die Aufsicht über die antiken Denkmäler inne, war also gleichsam Chef des päpstlichen Denkmalamtes. Die Beschäftigung mit der Antike prägte den Künstler Raffael entscheidend; sie spiegelt sich in etlichen seiner Gemälde wider.

    Eines davon basiert auf dem antiken Literaturstoff der "Hochzeit von Alexander und Roxane": Alexander der Große war Prinzessin Roxane auf einem seiner Eroberungszüge nach Zentralasien begegnet und hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt; so berichten es die antiken Gewährsleute. Die Hochzeitsnacht der beiden gekrönten Häupter beschäftigte nicht nur die Zeitgenossen: Lukian von Samosata, der die Nachwelt mit seinen meist satirischen Werken nachhaltig beeinflusst hat, berichtet von einem Maler namens Aëtion, der ein Gemälde mit diesem Thema nach Olympia brachte und dort öffentlich ausstellte - was schließlich dazu führte, dass einer der honorigen Kampfrichter dem begabten Maler vor lauter Begeisterung gar die eigene Tochter zur Frau gab. Dazu muss man wissen, dass das Heiligtum von Olympia während der Festspiele zu Ehren des Zeus Bühne für Selbstdarsteller aller Art war, die hier Aufmerksamkeit für sich und ihre Werke erhofften.


    Dem Maler Aëtion war nicht nur das gelungen, sein in Olympia präsentiertes Gemälde wurde dank Lukians Beschreibung unsterblich: "Das Gemälde befindet sich in Italien, wo ich es selbst sah (. . .). Es stellt ein außerordentlich schönes Gemach mit einem Brautbett dar. Roxane, eine unbeschreiblich reizende Gestalt, sitzt, jungfräulich züchtig zur Erde blickend, vor dem ihr gegenüberstehenden Alexander. Das Paar ist von lächelnden Liebesgöttern umgeben: einer derselben steht hinter ihr, zieht ihr den Brautschleier vom Kopfe und zeigt sie dem Bräutigam; ein zweiter ist sehr dienstfertig beschäftigt, ihr die Sandalen von den Füßen zu nehmen, damit sie sich niederlegen könne." (Lukian, Herodot und Aëtion; Üs. nach A. F. Pauly)

    Die aktuelle Raffael-Ausstellung in der Wiener Albertina zeigt eine Skizze zu seiner "Hochzeit von Alexander und Roxane": eine Rötelzeichnung in grundsätzlicher Übereinstimmung mit dem antiken Vorbild, die durch eine höchst sinnlich-lebendige Komposition und ihre große Plastizität besticht.




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    Dokument erstellt am 2017-11-24 13:29:09


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