• vom 03.01.2018, 16:17 Uhr

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Update: 16.01.2018, 15:38 Uhr

Maschinenraum

Die Kryptik der Kryptowährungen




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Wird 2018 das Jahr der Revolution im internationalen Finanzsystem - oder platzt die Blase? Eine Momentaufnahme des Staunens.



Es gibt aktuell 1372 Kryptowährungen. Warum diskutieren die Leute am Pool - ich befinde mich im Urlaub - dann immer nur über Bitcoin?

Weil sie keine Ahnung haben. Als ich aber gebeten werde, dieses Phänomen und sein mathematisches Fundament, die Blockchain, zu erklären, komme ich auch nach wenigen Sätzen ins Schleudern. Ist Bitcoin nun eine Währung oder nicht? Doch eher ein Pyramidenspiel? Könnte ich mein Hotelzimmer damit bezahlen? Und warum gibt es noch keine halbwegs verständliche Gebrauchsanleitung (Arbeitstitel: "Bitcoin for Dummies"), die es staunenden Laien wie mir ermöglichen würde, am virtuellen Honigtopf der schönen neuen Finanzwelt mitzunaschen? Fragen über Fragen.


Während ich sie stelle, gibt es wahrscheinlich schon 1408 Kryptowährungen; sie schießen wie Kraut aus dem Boden. Verfolgen lässt sich das bestens auf der Börsenseite coinmarketcap.com - sie listet sie alle auf. Darunter verheißungsvoll klingende wie Quantstamp, FirstBlood oder Einsteinium, aber auch psychedelisch-dubiose Namen wie Groestlcoin, Cobinhood, PepeCash oder Gifto.

So richtig zum Lachen ist aber - zumindest meiner Gefühlslage nach - gerade niemandem. Zumindest in den Chefetagen der traditionellen Banken und nationalen Finanzministerien nicht. Was ist da los?

Plötzlich kommt offensichtlich jeder Narr auf die Idee, seiner Ehefrau oder Freundin zu Weihnachten nicht mehr Golddukaten oder Palmers-Münzen unter den Christbaum zu legen, sondern eine digitale Geldbörse ("Wallet") prallvoll mit Ripple, Ethereum oder Cardano. Die "Financial Times" berichtet darüber, dass sich auch Wladimir Putin anstecken hat lassen - Russland prüft die Einführung eines eigenen Krypto-Rubels. Kurios: Wenige Monate zuvor noch hatte die Moskauer Zentralbankchefin den Aufstieg von Bitcoin & Co. mit dem kalifornischen Goldrausch des 19. Jahrhunderts verglichen.

Tatsächlich stieg die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen anno 2017 um über 1500 Prozent auf 600 Milliarden Dollar an (die Zahlen differieren je nach Quelle; ich habe kühn einen Mittelwert eingesetzt). Nordkorea setzt aus dunklen Gründen auf einen weiteren Boom, in Marokko, Bolivien, Nepal, Kirgistan, Bangladesch und Ecuador ist der Handel mit Bitcoin mittlerweile verboten. Japan dagegen akzeptiert sie als offizielles, sprich: gesetzliches Zahlungsmittel. Die US-Technologiebörse Nasdaq hat Interesse angemeldet. Jetzt starren alle gebannt nach China.

Kommt es wirklich zu einer Revolution im weltweiten Finanzsystem, wie nicht nur Computernerds, die zu oft Filme wie "Matrix" oder "V wie Vendetta" gesehen haben, hoffen? Gute Frage.

Nächste Frage. Aber nachdem sogar mein Nachbar neulich angeklopft hat, um mich ernsthaft zu fragen, ob die Rechnerleistung seines PCs reichen würde, um Bitcoin zu schürfen, kann mich nichts mehr überraschen. "Bleiben Sie weg, das ist tödlich!", kühlt allerdings der Chef einer Notenbank, der Däne Lars Rohde, die Euphorie ab. Schade: Gerade wollte ich meine eigene Kryptowährung, den Pfifferling, an den Start bringen.




Schlagwörter

Maschinenraum, Feuilleton, Bitcoin

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-03 16:20:08
Letzte nderung am 2018-01-16 15:38:05



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