• vom 06.01.2018, 11:00 Uhr

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Mutprobe mit Italo-Schlager




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils in Tirol.

    Irene Prugger, geb. 1959, lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils in Tirol. Irene Prugger, geb. 1959, lebt als freischaffende Schriftstellerin und Journalistin in Mils in Tirol.

    "Schlager" dudeln oft so unversöhnlich optimistisch, dass man sich völlig niedergeschlagen fühlt. Aber es gibt Ausnahmen. Ein verschmitztes Zahnfleischgrinsen, ein federnder Gang, eine Stimme wie das sprichwörtliche Reibeisen: Adriano Celentano. Der Italobarde, dem oft nachgesagt wird, er sei der italienischste aller Italiener, feiert dieser Tage seinen achtzigsten Geburtstag. Salute!

    Adriano Celentano wurde am 6. Jänner 1938 in Mailand geboren und wuchs in der "Via Gluck" auf. Aus den bescheidenen ökonomischen Verhältnissen sang er sich schwungvoll heraus - mit Romantik-Schnulzen genauso wie mit Qualitätsliedern in bester italienischer Cantautore-Tradition. Er verkaufte über 200 Millionen Platten, die meisten davon vermutlich zu einer Zeit, als Lieder und Songs tatsächlich noch auf Schallplatten gespeichert wurden, also auf jenen schwarzen analogen Tonträgerscheiben mit spiralförmigen Rillen. Ach, du ferne Jugend!


    Als junger Mensch mit einer Celentano-Platte unterm Arm auf einer Party zu erscheinen, war in den 1970ern eine Mutprobe. Wenn die Partygäste zu den sphärischen Klängen von Pink Floyd wogten, dabei ausschließlich mit ihrem komplexen Innenleben beschäftigt waren und sich dabei nur ungern stören ließen, musste man warten, bis der DJ etwas länger in seinem Fundus kramte, damit man den Versuch wagen konnte, die Veranstaltung mit einer Celentano-Platte zu beleben. Zum Beispiel mit "Prisencolinensinainciusol".

    Wenn dann alle fragten, ob man durchgeknallt sei, konnte man altklug argumentieren: "Dieses Lied hat Celentano nach eigener Aussage geschrieben, um die prinzipielle Unmöglichkeit von Kommunikation deutlich zu machen. "Was hast du gesagt?" - "Er macht damit die Schwierigkeit von Kommunikation deutlich!" -"Äh?" - "Der Text beinhaltet ja eigentlich nur Nonsense."- "Und was soll dann dieses Prisencolinsdingsda bedeuten?"

    Mit "Il ragazzo della via Gluck" konnte man es auch versuchen. "Questa è la storia di uno di noi. . ." Selbst wenn man des Italienischen kaum mächtig war, fühlte man sich zugehörig zur italienischen Arbeiterklasse, sobald es ertönte. Vorausgesetzt, man war Celentano-Fan. Aber das waren unter den jungen Leuten eben nicht viele. Oder: "Una festa sui prati" mit der Studentenclique bei einem Wiesenfest abspielen? Unmöglich! Der mitgebrachte Kassettenrekorder, eingestimmt auf Psychedelic-Rock und hehre Protestlieder, hätte sofort den Geist aufgegeben. Dabei lässt das Lied durchaus sehr kritische Töne anklingen: "Der Wettstreit beginnt, die Schlacht ums Geld. Es bleibt keine Zeit mehr, weder um zu lachen, noch um zu lieben. Wer gewinnen will, muss kämpfen können."

    "Azzurro" - komponiert vom genialen Paolo Conte und verdienterweise ganz oben auf der ewigen Hitliste des Italo-Schlagers, hat zugegeben eine gewisse nervige Penetranz. Das Lied geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Aber Celentano zu Ehren kann man das gerne wieder einmal ertragen.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-01-04 16:26:17
    Letzte Änderung am 2018-01-05 12:56:59


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