• vom 06.01.2018, 11:00 Uhr

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Ovids Ende




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Von Mario Rausch


    "Alles hab’ ich verloren, das Leben ist mir nur geblieben, dass es empfinde das Leid und es mir liefre zum Stoff. Wozu dient’s mit dem Schwert den erloschenen Leib zu durchbohren? Für einen weiteren Stoß ist ja kein Platz mehr an mir." Mit solch drastischen Worten schloss der römische Dichter Ovid den letzten Brief, den er vor ziemlich genau 2000 Jahren aus seinem Verbannungsort Tomis am Schwarzen Meer nach Rom schickte.

    Der gefeierte Literat hatte zu dem Zeitpunkt eine beachtliche Karriere und ein durchaus hartes Schicksal hinter sich: Geboren im mittelitalienischen Sulmo, erhielt der junge Publius Ovidius Naso seine Ausbildung in der antiken Metropole Rom. Doch anders als viele seiner Freunde bemühte er sich nicht um eine politische oder militärische Karriere, sondern begann seine eigentliche Leidenschaft zu leben - die Dichtkunst. Wobei er sich bei der Wahl seiner Themen zunächst durchaus von jugendlicher Leidenschaft leiten ließ: in den "Amores" und später in der "Ars amatoria" beschrieb er die Liebe als ein amüsantes und frivoles Spiel, zu dem er in kunstvoll geformten Reimen Anleitung gab.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/ Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.

    Am bekanntesten sind aber wohl die etwas später entstandenen "Metamorphosen": Anhand von über 250 "Verwandlungen" widmete sich Ovid bekannten und weniger bekannten Gestalten der antiken Mythologie und schlug einen chronologischen Bogen von der Entstehung der Welt bis zu seiner Gegenwart. In den "Fasti" beschrieb er dann den römischen Festkalender, von diesem Werk sind allerdings nur die ersten sechs Bücher erschienen.

    Bei seiner Dichtung ging es Ovid weniger darum, sein Publikum zu belehren, als es zu unterhalten. Seine Phantasie schien keine Grenzen zu kennen, und die technische Perfektion seiner Reime beeindruckt noch heute.

    Doch das Leben dieses Dichtergenies sollte eine tragische Wendung erfahren: Im Jahr 8 n. Chr. wurde er auf Geheiß von Kaiser Augustus ans Ende der damals bekannten Welt verbannt, nach Tomis, das heutige Constantia am Schwarzen Meer. Grund der Verbannung seien carmen et error, "Gedicht und Verfehlung", gewesen; worum es dabei konkret ging, bleibt aber unklar. Es muss für den römischen Lebemann jedenfalls ein gewaltiger Kulturschock gewesen sein, plötzlich von der pulsierenden Metropole Rom in ein verschlafenes Nest in der hintersten Provinz verfrachtet zu werden. Lange Zeit konnte er sich mit seinem Schicksal nicht abfinden und wandte sich in Briefen an einflussreiche Persönlichkeiten am Hofe, jedoch ohne Erfolg: Ovid blieb bis zu seinem Tod 17 oder 18 n. Chr. in Tomis und kehrte nie mehr nach Italien zurück.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-01-04 16:29:03
    Letzte Änderung am 2018-01-04 17:15:37


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