• vom 13.01.2018, 11:00 Uhr

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Gute Vorsätze




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker; lebt in München.

    Noch halten sie, meine guten Vorsätze für das Jahr 2018. Gut, sind ja auch erst zwei Wochen ins Land gezogen, seit ich sie gefasst habe, aber ein bisserl stolz bin ich trotzdem. Einer meiner Vorsätze ist wie in jedem Jahr politischer Natur. Diesmal steht er ganz im Zeichen der Debatte um Steuerparadiese und paradiesische Steuern und lautet: Nichts mehr von Unternehmen kaufen, die ihre mit meinem sauer verdienten Geld erzielten Gewinne so lange hin und her schieben, bis sich die Steuerschuld auf ein Minimum reduziert hat und der Aktionär zum Dank eine fette Dividende einstreicht. Was im Falle von Ikea zum Beispiel den zusätzlichen Vorteil hat, dass man sich keine Produkte mit dämlichen Namen mehr ins Haus holt. Mein Badezimmerregal etwa heißt (noch) Molger, mein Teppich Raskmölle und der Kissenbezug Majbritt.

    Was dann zu den seltsamsten häuslichen Dialogen führt: "Ich werde dann mal Raskmölle saugen." - "Ja, aber pass bitte auf, dass du dabei nicht wieder Bittergurka (das ist unsere Gießkanne für die Zimmerpflanzen) umstößt." Oder: "Das Bett müsste mal wieder neu bezogen werden." - Stimmt. Sollen wir Majbritt nehmen? Oder doch lieber Rosen-
    fibbla?" Diese leicht debile Ikeaisierung der Sprache hat dann hoffentlich auch ein Ende.


    Vorsatz Nummer zwei ist eher persönlicher Natur, will aber gleichwohl die Welt zu einem besseren Ort machen: Ich möchte fortan lieb sein, Empathie zeigen, verstehen und nicht verurteilen. Der Spaziergang am Neujahrstag bot gleich reichlich Gelegenheit, diesen Vorsatz mit Leben zu erfüllen.

    Nachmittags waren jede Menge meiner Lieblingsfeinde unterwegs, nämlich Hunde, oder genauer gesagt: ihre Besitzer. Von wildfremden Vierbeinern beschnüffelt, besprungen oder besabbert zu werden, ist mir naturgemäß zutiefst zuwider, nur: was kann das arme Tier dafür, wenn der Halter sich als unzulänglich erweist? Der zugehörige Standardspruch "Der tut nichts!" löste bei mir bisher reflexhaft ein "Ich schon" aus. Was folgte, waren wilde Wortwechsel mit Herrchen oder Frauchen.

    Seit ich allerdings zwischen den Jahren wieder einmal Ulrich Seidls wunderbaren Film "Tierische Liebe" gesehen habe, weiß ich, warum und wozu diese Menschen diese Tiere benötigen, und statt Zorn regt sich Mitleid ob dieser emotional bedürftigen Kreaturen. Und so tätschle ich jetzt erst das Tier, dann den Menschen, nicke ihnen aufmunternd zu und trotte leichten Herzens davon, froh darüber, dass ich selbst keinem neurotischen Tier sein Sackerl mit dem noch darmwarmen Gackerl hinterhertragen muss. Und was soll ich sagen? Es war gar nicht schwer.




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    Dokument erstellt am 2018-01-12 15:56:16



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