• vom 19.01.2018, 17:52 Uhr

Glossen

Update: 29.01.2018, 17:08 Uhr

Glossenhauer

No more heroes anymore




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Von Severin Groebner

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  • "Skifahren ist etwas für norwegische Briefträger", pflegte meine Oma zu sagen. Aber heute sind wir alle Norweger.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen findenSie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen findenSie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen findenSie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Es gibt Tage, die sind wirklich wichtig für die Nation. Wer kann, versammelt sich mit Gleichgesinnten vor dem Bildschirm, dem Live-Stream oder dem Radio, um live bei etwas dabei zu sein, das sehr weit weg ist. Für die einen ist dies das Neujahrskonzert, für die anderen der Opernball, und für die dritten das Spiel der Fußballnationalmannschaft gegen Andorra, das auch knapp 5:4 ausgeht. Und dann natürlich das Hahnenkammrennen in Kitzbühel. Da sind alle dabei. Alle. Bis auf mich. Es ist mir wurscht. Blunzn. Total powidl. Es gibt nichts, was mich weniger interessiert, als welcher Urenkel alpiner Holzknechte und Großbauern diesmal am schnellsten den Berg runterkommt.

"Aber die Piste ist doch so schwierig und der Schnee dieses Jahr unberechenbar!", ruft mir das einfache österreichische Volk zu. Da sage ich drauf: "Warum sucht er sich dann nicht eine andere Piste? Und wartet auf Neuschnee? Oder auf nächsten Winter? Oder lässt sich vom AMS umschulen auf Surflehrer?" "Nein!", brüllt erbost das einfache österreichische Volk zurück. "Das sind doch unsere Skihelden!"


Aha! Helden. Ja, so ist das im "Skizirkus". Da herrscht eine andere Sprache, friedfertig wie eine Isonzo-Schlacht. Da wird "angegriffen", es geht um "Sieg", "Legenden", "mentale Stärke" - und natürlich um "uns". Die gesamte im Trainingsanzug vor der Glotze versammelte übergewichtige Nation von Schnitzelsemmelessern mit Bier in der Hand verwandelt sich virtuell in einen einzigen athletischen, mit Werbung zugekleisterten, skifahrenden, bärigen Volkskörper, der dann "Hirscher" heißt. Oder "Maier", "Klammer" oder "Sailer". Auf jeden Fall nicht mehr als zwei Silben. (Darum hat der Hinterseer nie die Streif gewonnen. Zu langer Name.) Das sind unsere Helden. Egal, was die sonst so in den Hotelzimmern treiben.

Und es braucht diese Erhöhung, da das Ereignis selbst an Langeweile kaum zu unterbieten ist. Jemand rutscht sehr schnell einen (kunst)beschneiten Berg runter. Dann noch einer. Und noch einer. Und so weiter. Sonst passiert nichts. Keine Geschichte. Keine Klimax. Keine überraschende Wendung. (Selbst wenn einer bei einem Unfall stirbt, wird nur sprachlicher Betroffenheitseiter abgesondert, dann geht es genau so weiter.) Und am Schluss ist der der Held, der dasselbe gemacht hat wie alle anderen. Nur schneller.

Würden man sich dasselbe Konzept in anderem Umfeld genauso gern anschauen? Etwa: Reinigungskräfte aus aller Welt säubern ein Großraumbüro. Wie schnell werden sie die Papierkörbe ausleeren, mit welcher Hand putzen sie den Kopierer? Wie sieht die Ideallinie beim Staubsaugen aus? Und gewonnen hat . . . Ivanka! Bravo! Morgen wieder, aber diesmal in einem Bürohaus in Innsbruck, München oder Mailand. Spannend. Denn die haben dort einen sehr schwierigen Teppichboden. Unterwegs im Putzzirkus mit "unseren Helden"!

Helden sind eigentlich etwas anderes. Die tragen nicht nur ihren Körper zu Markte zum Wohle des eigenen und des Bankkontos des Sponsors. Ute Bock etwa hat Menschen aus der ganzen Welt geholfen. Einfach so, weil die es nötig hatten. Und die ist jetzt gestorben. War aber keine "Heldin". Warum? Sie hat nie die Streif gewonnen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-19 17:56:09
Letzte Änderung am 2018-01-29 17:08:08


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