• vom 27.01.2018, 11:00 Uhr

Glossen


Glosse

Stumme Darsteller




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Als ich ein Bub war, war es immer mein Großvater, der mit mir Anzüge einkaufen ging. Unsere Familie hatte ihn für derartige Besorgungen ausersehen, da er stets tadellos gekleidet war und sich mit der Qualität von Stoffen auskannte. Meist gingen wir in ein Geschäft auf der Mariahilfer Straße, dessen riesengroße Auslagen ich schon von Weitem sehen konnte. Darin standen Figuren positioniert, die ein zur jeweiligen Jahreszeit passendes Gewand trugen. Die männlichen standen in der Regel, während die weiblichen zum Teil saßen und die Arme von sich streckten, als wären sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen.

    Diese Mannequins, wie sie damals genannt wurden, interessierten mich viel mehr als die zu erwartenden Anzüge; außerdem kratzten deren Hosen immer ein wenig. Die stummen Darsteller waren auf das Sorgfältigste herausgeputzt. Die Damen hatten lange Wimpern aufgeklebt, die Iris ihrer Augen war eingefärbt, die Brauen verliefen in schwungvollen Linien, und die jüngeren Modelle hatten knallrote Lippen.


    Die Herren waren ähnlich detailgetreu in Szene gesetzt - mit dem Unterschied, dass ihre Wimpern kürzer waren, die Lippen naturfarben, und manche einen kecken Schnurrbart aufgeklebt hatten. Allesamt trugen sie Perücken, braune und brünette oder blonde, und natürlich hatten alle Beteiligten brav ihre Pumps oder Budapester an den Füßen, auch wenn das Geschäft natürlich keine Schuhe führte.

    Wenn ich dann meine etwas kratzige Hose und das dazugehörige Sakko bekommen hatte, ging mein Großvater mit mir in ein Kaffeehaus, um dem Erwerb der neuen Kleidungsstücke einen gebührenden Abschluss zu verleihen. Auf dem Rückweg kamen wir dann wieder bei unserem Kleidergeschäft vorbei. Einmal konnte ich - ein Höhepunkt meiner diesbezüglichen Beobachtungen - zusehen, wie die Verkäuferinnen gerade ein weibliches Mannequin anzogen. Es wirkte ziemlich umständlich, wie sie über die abgewinkelten Arme der jungen Frau einen Blazer wurstelten.

    Heute geht so etwas einfacher. Viele der Schaufensterpuppen, wie man sie nun nennt, sind auf ihre Funktion reduziert, manche haben keine Arme oder Beine, etliche einen abstrakten oder nicht einmal mehr einen Kopf. Das alles, um die Kunden nicht von der eigentlichen Ware abzulenken.

    Wie beruhigend, dass unlängst zu lesen war, der Trend bewege sich wieder in Richtung realistischere Gesichtszüge. Dafür können manche Puppen potenzielle Kunden, die vor der Auslage stehen, bereits scannen, um auf diese Weise Zielgruppendaten zu sammeln. Weniger beruhigend.

    Einen der letzten Veteranen der 60er Jahre entdeckte ich unlängst: einen Herren im Dreireiher mit freundlichem Blick, unter dessen Gilet sich ein Bäuchlein abzeichnete. Bis auf die Perücke erinnerte er mich stark an meinen Großvater.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-01-25 16:32:04
    Letzte Änderung am 2018-01-25 16:35:07


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