• vom 04.02.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Wir lächeln




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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.

    Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.

    Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.


    Als Wissenschaft der Auswirkungen des Lachens sorgt die Gelotologie nicht nur für die Erkenntnis, dass heitere Menschen gelassener durchs Leben gehen oder Lachen auch bei Schmerzen oder Stress hilfreich sein kann. Wir lernen überdies, dass das Anspannen und Lockern der Gesichtsmuskulatur durch Spaßeinwirkung selbst einen Mehrwert hat. Wahrscheinlich wird die Work-out-Region zwischen Stirn und Kinn somit leichter und automatischer bedient als der Bauch-, Hüft- und Pobereich, für dessen Zustandsbewahrung die eine oder andere Extrarunde im Fitnessstudio nötig ist.

    Heute aber lachen wir nicht lauthals oder schallend in die Welt hinein, nein, wir befinden uns auf der Vorstufe dieser Form der Glücksbekundung, wir widmen uns gewissermaßen ihrem Diminutiv: lächeln, lächeln, lächeln. Lächeln, zuvorderst als höfliche Geste, Lächeln als Botschaft und Lächeln als Signal. Lächeln, weil das grüne Curry so gut war wie der Papayasalat, lächeln, weil die Massage gerade so herrlich entspannend ist, lächeln, um ein Lächeln zu erwidern, lächeln, immer auch im Fall eines Problems. Im Hotel fällt das Wasser aus? Lächerlich! Der Zug ist verspätet, der Bus fährt nicht ab? Einerlei. Wir haben Zeit. Und wir lächeln.


    Die Aufforderung "Bitte lächeln" fällt in diesem Urlaub vor keinem einzigen Foto. Sie wäre auch wirklich umsonst. Lächeln, begünstigt vom Sonnenschein, lächeln, weil das Meer sich so schön bricht, lächeln des Lächelns wegen, ausgedehnt und anhaltend, ja, lächeln, bis die Rettung kommt - auch ohne medizinischen Anlassfall. Lächeln als Haltung und aus Prinzip! Kombiniert mit einer Extraportion Höflichkeit, die für sich genommen einen massiven Kulturschock bedeutet, gerade wenn man aus Wien anreist, befinden wir uns in Thailand also nicht bloß geografisch, nein, wir befinden uns hier grundsätzlich und generell in einer ganz anderen Welt. "Na geh, heast! Gschissn is des! Oasch!!" Zumindest, bis man an der Bushaltestelle dem ersten Wiener begegnet, der die Nerven verliert, weil ihm die Wartezeit auf die Weiterreise übertrieben lang vorkommt. Das regt bei uns aber nur die Gesichtsnerven an. Sie wissen bereits, was wir jetzt tun.

    Das WLAN im Hotel fällt aus? Lächeln. Der Taxifahrer versteht bei "Train Station" nur sprichwörtlich Bahnhof? Hallo, mir tun langsam die Wangen weh! Wo ist der Gelotologe, der mir erklärt, ob es gegen Muskelkater durch permanentes Lächeln auch Medikamente gibt?

    Das Flughafentaxi daheim: Mäßiger Kulturschock. Sind wir wirklich daheim? Der Fahrer ist für Wien ungemein höflich. Er lächelt und hat dafür einen Grund. Er kennt die saftige Rechnung, die er uns präsentieren wird, ja bereits. Bei der Haustüre sind wir wieder daheim. Na geh, heast! Wir lächeln . . . nicht!




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-02-01 16:56:16
    Letzte Änderung am 2018-02-01 16:59:19


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