• vom 02.02.2018, 16:57 Uhr

Glossen


Isolde Charim

Läuterung




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Von Isolde Charim

  • Die FPÖ und ihr Antisemitismus.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Wenn derzeit etwas umgeht, dann ist es - Läuterung. Hochegger hat sich geläutert und befeuert damit den Buwog-Prozess. Mölzer tritt uns im TV ganz geläutert als sensibilisierter Semantiker entgegen, der feststellt: Damals, also in einem diffusen Früher, sei man noch nicht so sensibilisiert gewesen, dass einem die siebente Million irgendwie verwerflich vorgekommen sei. Nur Udo Landbauer gab sich "jetzt erst recht" nicht geläutert. Aber der wurde deshalb auch zurückgetreten. Und dann gab es noch das, was man den Läuterungs-Höhepunkt nennen könnte: Straches Rede am Akademikerball, wo er vor versammelter Burschenschaft forderte, Antisemiten mögen die FPÖ verlassen.

Selbst wenn dies reine Strategie unter dem Druck der Ereignisse sein sollte, so war es doch bemerkenswert. Denn man muss zugestehen, dass Strache - und anderen FPÖ-Granden bis hin zu Herrn Gudenus - solche Sätze wohl schwer über die Lippen kommen. Dieser Behauptung unterliegt natürlich eine Kritik, denn sie unterstellt, solche Sätze würden deren Überzeugung widersprechen - aber ihr unterliegt auch so etwas wie Anerkennung. Denn immerhin sprechen sie es aus (mit wie viel Überwindung auch immer). Immerhin hat Strache vor seinen Burschenschaftern eine solche Rede gehalten. Ob er es meint. Oder nicht. Er hat es über die Lippen gebracht. Vor einem Publikum, das solches nicht erwartet und solchem nicht gewogen ist. Wie schwer das sein muss, hat Mölzer vorgeführt, der den Antisemitismus gleich in strammer Nazi-Diktion "ausmerzen" möchte.


Kurzum - selbst wenn die Läuterung nur eine Diskursstrategie sein sollte, so erfordert eine solche, eine Distanz zum eigenen Denken, zum eigenen Fühlen einzuführen. Immerhin.

Zugleich aber ist es - und das ist die Kehrseite - eben doch leicht, dem Antisemitismus abzuschwören. Denn eines ist klar: Österreich hat kein aktuelles "Judenproblem". Die "Judenfrage" wurde hier gründlichst gelöst, "endgelöst". "Die" Juden sind nicht mehr das Problem der Rechten. Und dort, wo sie es noch sind, dort, wo es noch grauslichsten Antisemitismus gibt - wie in den Burschenschaften -, dort ist er eine Nostalgie. Das macht ihn nicht besser - es zeigt nur, dass er etwas anderes geworden ist.

Wenn nun Strache der FPÖ eine neue Anti-Antisemitismus-Parteilinie vorgibt, dann tut er nichts anderes als nostalgische Antisemiten auf rechten Vordermann bringen. Die Rechtsextremen auf der Höhe der Zeit, die Rechten, die im 21. Jahrhundert angekommen sind, haben andere Probleme als "die Juden". Das heißt nicht, dass sie keine Rassisten mehr wären. Es heißt nur, dass sie das Objekt ihres Rassismus gewechselt haben. So ist etwa Landbauers Nachfolger, mit dem die ÖVP zusammenarbeiten kann, ausfällig gegen "Schwuchteln". Und der sensibilisierte Mölzer hat bekanntlich ein Problem mit "Negerkonglomeraten".

Wenn sich nun die Freiheitlichen tatsächlich anschicken sollten, sich von ihren alten Herzensangelegenheiten zu verabschieden. Wenn sie nun also den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen, aber auch in jenen der anderen "ausmerzen" wollen, dann ist das zwar bemerkenswert - aber es ist kein Ankommen in einer liberalen Demokratie.




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Dokument erstellt am 2018-02-02 17:02:19


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