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Update: 22.02.2018, 11:11 Uhr

Maschinenraum

Elektro-Golfpartie




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Der VW e-Golf ist ein Wolf im Schafspelz. Er verrät einiges über die Gegenwart der Elektromobilität, aber wenig über die Zukunft.



Der erste Gedanke ist: wau! Der zweite: Da sollte man keine Anfänger ranlassen. Oder gar jemanden, der einen VW Golf mit einem Sportwagen verwechselt. Und die engen Gassen der Großstadt mit einem Rennparcours. Denn das Hinterhältige an diesem Auto ist: Es sieht aus wie ein Volkswagen, also ein optisch, haptisch und (image)technisch auf die Bedürfnisse des Durchschnittskonsumenten hin optimiertes Fahrzeug - aber drin steckt das Drehmoment eines Elektromotors (290 Newtonmeter) mit 100 Kilowatt. Konstruktionsbedingt steht es ab der ersten Umdrehung zur Verfügung. Insofern hat man in puncto Beschleunigung das Gefühl, in einem Supersportwagen zu sitzen - obwohl sich die Werte für die zweite Generation des e-Golf auf dem Papier nicht dramatisch ausnehmen: 9,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h, 150 km/h Höchstgeschwindigkeit, 35,8 kWh Batteriekapazität, Reichweite 300 Kilometer. In der Praxis schafft man dann eher zweihundert.

So ist dann nun mal mit den Katalogtexten und der Realität. Immerhin hat Volkswagen - der deutsche Konzern hat ja gerade mit Widrigkeiten und hausgemachten Problemen sondergleichen zu kämpfen - nicht in dieselbe Werbe-Schublade gegriffen wie der US-Konkurrent Tesla. Der ist stolz auf den "Insane Modus", der die irrwitzige Beschleunigung seiner Elektromobile trefflich beschreibt; das würde man VW dann einmal mehr nicht nachsehen. Genauso wenig wie die Idee, ein Auto mit einer Rakete Richtung Mars zu schießen. Aber was unterscheidet einen e-Golf nun z.B. vom - preislich vergleichbaren - Tesla Model 3? Erstens: die Lieferbarkeit. Zweitens: die Lieferbarkeit. Und, drittens: die Lieferbarkeit. Die Unaufgeregtheit des Gesamtkonzepts und der Inneneinrichtung ist Geschmackssache. Es handelt sich immer noch um einen Golf.


Das e-Modell ist, so viel an Urteil erlaube ich mir nach einem Test-Wochenende, quasi der europäische Urmeter zeitgenössischer Elektromobilität. Leider verrät uns dieses nicht gerade billige Auto - der Basispreis liegt bei 38.700 Euro, die Aufpreisliste ist lang - mehr über die Gegenwart als über die Zukunft. Denn es ist nicht weniger, aber eben auch nicht mehr als ein ideales individuelles Verkehrsmittel für Pendler im 100 Kilometer-Umkreis eines Arbeitsplatzes. Sie sollten zudem eine Garage mit Starkstromanschluss, jede Menge Solarpanels auf dem Dach (des guten Gewissens wegen), einen Hang zu biederer Solidität und etwas Gelassenheit in Bezug auf angesagte Revolutionen ihr eigen nennen. Denn über all die Visionen zur näheren und ferneren Zukunft der Mobilität - von selbstfahrenden Autos über extensives Car-Sharing bis hin zu sekundenschnellem Batterietausch an Tankstellen - erzählt uns der e-Golf wenig. Was auch erfrischend ist, wenn man das durchwegs widersprüchliche Geschnatter der Visionäre, Experten und Vordenker im Autopiloten-Modus einmal satthat.

Die Gegenwärtigkeit des e-Golf spiegelt denn leider - so man einmal nicht in die eigene Garage zurückkehrt - auch die mühselige Praxis mit all den verschieden starken E-Tankstationen, Ladesystemen und Steckern wider. App-Bastler, Ihr seid gefordert! Und die Situation, dass sich vor den bislang wenigen öffentlichen Ladesäulen das Volkswagenvolk staut, möchte man sich auch nicht ausmalen. Noch nicht.




Schlagwörter

Maschinenraum, Glosse, Feuilleton

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-07 16:11:23
Letzte Änderung am 2018-02-22 11:11:31


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