• vom 11.02.2018, 11:00 Uhr

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Achtung, Hutträger!




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Von Gerald Schmickl


    Gerald Schmickl ist Leiter der "extra"-Beilage, Hauben- und Kappenträger . . .

    Gerald Schmickl ist Leiter der "extra"-Beilage, Hauben- und Kappenträger . . . Gerald Schmickl ist Leiter der "extra"-Beilage, Hauben- und Kappenträger . . .

    Als Blickfang und Orientierungshilfe war er praktisch, der Hut, den jener Mann, der kürzlich in unübersichtlichem Gelände stand, um Besucher zum Atelier eines Malers zu führen, aufhatte. Dafür war die weithin sichtbare Kopfbedeckung bestens geeignet. Ansonsten ist er zu wenig gut, der Hut. Außer zum Ärgern, etwa wenn Lenker ihn in Autos tragen, und sich damit praktisch ausnahmslos als Schleicher, Sonntagsfahrer oder sonstige Verkehrshindernisse erweisen. Denn es bestätigt sich einfach zu oft, dass Hutträger am Volant unmöglich sind. Das muss am Hut liegen, kann gar nicht anders sein, es ist eine Bestimmung, ein Gesetz.

    Aber auch außerhalb von Fahrzeugen fallen Hutträger selten positiv auf. Nach meiner Erfahrung sind es meistens Angeber und Wichtigtuer. Besonders innerhalb von Räumen - also diese pseudokünstlerhafte Attitüde, Hüte aufzulassen und breitkrempig herumzustehen (oder -zusitzen). Erst kürzlich konnte ich bei einer Buchpräsentation einen Mann und eine Frau beobachten, wie sie sich behütet aufplusterten. Wie Fregatten segelten sie umher, stets bedacht, mit ihrem Überbau Blicke auf sich zu ziehen. Windmacher im buchstäblichen Sinne.

    Indoor sind Hüte meistens Zeichen von mentaler Überhöhung und Angeberei . . .

    Indoor sind Hüte meistens Zeichen von mentaler Überhöhung und Angeberei . . . Indoor sind Hüte meistens Zeichen von mentaler Überhöhung und Angeberei . . .

    Hutträger vergrößern mit ihren Kopfrädern ja tatsächlich ihre Oberfläche, sind also neben der oftmals ästhetischen Zumutung auch noch Raumverdränger. Ganz im Gegensatz zu Kappen- oder Haubenträgern, die sich mit der anliegenden Bekleidung ihrer Köpfe begnügen und schmal machen. Gut, Schirmkappen ragen auch über die jeweilige Denkerstirn hinaus, aber nie im vollen Radius und selten so aufsässig-ausladend wie Hüte.


    Die Angewohnheit, Kappen oder Hauben (besonders diese Hipster-Schlumpfhauben) indoor aufzubehalten, ist freilich auch ein gezierter Habitus (wobei etwa mein Cartoonistenfreund W. mir sogleich versichern wird, dass er das ausschließlich wegen seiner empfindlichen Kopfhaut tue - aber ich glaub’s ihm nicht . . .), der mir aber aus unerfindlichen Gründen sympathischer ist als jener, mit Hüten in Räumen herumzustolzieren.

    Außer bei Udo Lindenberg, der zweifellos schon mit einem Hut auf die Welt gekommen sein muss (und wahrscheinlich auch mit Sonnenbrille, praktischerweise gleich im Hamburger Hotel Atlantic, wo er bis heute logiert), anders kann man sich das bei diesem Sänger und einstigen (Jazz-) Schlagzeuger gar nicht vorstellen, so sehr ist die als Markenzeichen fungierende Kopfbedeckung mit ihm als natürliche Einheit verwachsen; also bei Lindenberg würde mich mehr stören, lüftete er sein Haupt. Besser nicht.

    Manchmal können Hüte auch Glück bringen. In dem bezaubernden Roman "Der Hut des Präsidenten" von Antoine Laurain ist es ausgerechnet der große schwarze Deckel von François Mitterrand, der fremden Trägern, denen er sprichwörtlich zufliegt (einmal wird er auch gestohlen), plötzlich ihre Lebensträume erfüllt. Das ist natürlich fiktiv und völlig aus der Luft gegriffen, nicht nur wegen des Hutes, aber trotzdem toll gemacht. Chapeau!




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-02-09 13:23:17
    Letzte nderung am 2018-02-09 15:20:21



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