• vom 13.02.2018, 16:24 Uhr

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Sedlaczek am Mittwoch

Eine Worthülse mit Nebensinn




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Vermeidet das Füllwort "sozusagen", es schwächt nur die eigentliche Botschaft! Aber manchmal ist der Ausdruck berechtigt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


"Wiener Zeitung"-Leser Günter F. hat mich auf ein interessantes Thema hingewiesen: "In letzter Zeit macht sich bei TV-Journalisten eine neue Art eines Konjunktivs breit. Die Realität wird abgeschwächt durch das Wort ,sozusagen‘. Wieso bricht dieser Ausdruck plötzlich über uns herein?"

Dass das Wort über uns hereinbricht, ist wohl ein subjektives Empfinden. Im Internet finde ich zahlreiche Postings und Glossen zu diesem Thema und einige sind schon recht alt. Grundtenor: Vermeidet solche Füllwörter, sie schwächen nur die eigentliche Botschaft! Seit ich das Mail des Lesers erhalten habe, sind allerdings meine Sinne für diese Floskel geschärft. Auch ich bin jetzt der Meinung, dass das Füllsel "sozusagen" um sich greift. Die Wörterbücher sind sich übrigens nicht ganz sicher, was "sozusagen" bedeutet. Die einen meinen: gewissermaßen; gleichsam. Die anderen meinen: wenn man es so sagen will, obwohl es nicht ganz richtig ist. Die Floskel kann also eine vorsichtige Distanzierung des Sprechers ausdrücken, der Sprecher kann damit seine Aussage relativieren.


Ob "sozusagen" eine sinnentleerte Phrase ist, muss allerdings von Fall zu Fall entschieden werden. "Das ist sozusagen eine Idee, bei der wir..." Hier ist das Wort entbehrlich. Entweder es ist eine Idee oder es ist keine. Wenn wir uns das Füllwort wegdenken, ändert sich nichts an der Bedeutung des Satzes.

Aber es gibt auch Beispiele, die eine Verwendung von "sozusagen" rechtfertigen. "Die ÖVP hat die Wahlen in Niederösterreich sozusagen gewonnen." Hier will der Sprecher zum Ausdruck bringen, dass er Zweifel an der Formulierung hat. Man könnte das Wahlergebnis auch so interpretieren: Zwar ist die ÖVP wieder stärkste Partei geworden, aber sie hat Stimmen verloren. Oder so: Die ÖVP hat sich die Latte vor den Wahlen absichtlich ganz tief gelegt, damit die Erwartungen garantiert erfüllt werden.

In einer Zeitung habe ich eine treffende Überschrift gelesen: "Lauter Gewinner, aber nur ein Sieger." Mehrere Parteien haben auf die eine oder andere Art gewonnen, schließlich waren jene Stimmen, die zuletzt Frank Stronach bekommen hatte, am Markt. Aber Sieger ist nur die ÖVP und die Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner.

Ein anderes Beispiel: "Das Tempolimit auf Autobahnen beträgt sozusagen 130 Kilometer pro Stunde." In diesem Fall will der Sprecher zum Ausdruck bringen, dass dieses Tempolimit zwar formal existiert, aber weder strikt eingehalten noch strikt geahndet wird. Wer das Tempolimit knapp überschreitet, wird nicht gestraft - wo genau die Grenze liegt, weiß ich nicht.

Ich glaube, die Ausbreitung von "sozusagen" hat zwei Wurzeln: Erstens ist die Realität in vielen Fällen äußerst komplex, sie kann nicht auf einen Satz komprimiert werden. Und zweitens wollen sich Rundfunk-Journalisten manchmal nicht festlegen. Interessant ist, dass "sozusagen" in den Medien nur in der gesprochenen Sprache eine Rolle spielt - in Zeitungen ist das Wort selten zu finden.

Eine andere Floskel ist immer und überall fehl am Platz. Viele Politiker leiten die Beantwortung einer Frage mit folgenden Wörtern ein: "Ich habe immer gesagt, dass..."

Warum müssen wir uns die abgegriffenen Stehsätze erneut anhören?




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Dokument erstellt am 2018-02-13 16:29:27


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