• vom 24.02.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Modisch leiden




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.


    Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen: Junge Menschen beiderlei Geschlechts, die auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in zu kurzen Hosen und Halbschuhen herumlaufen, wobei oberhalb des Knöchels eine Handbreit Bein sichtbar wird. Erinnert ein wenig an die Bauchfrei-Mode vor etwa zehn Jahren, deren Anhängerinnen im Winter mit Nierenentzündungen in den Arztpraxen landeten. Von Frostbeulen an den Waden ist noch nichts bekannt, aber besonders wohl fühlen sich die Modeopfer bei ihrem Tun nicht, wie ich unlängst feststellen musste.

    Es war in der U3-Station Volkstheater. Draußen fiel Schnee bei ein Grad über Null, auf dem Bahnsteig standen zwei junge Frauen. Die eine trug Schnürstiefel, in denen ihre Hosenbeine steckten, die andere Sneakers, aus denen einen knappen Zentimeter weit blaue Söckchen hervorlugten, darüber sieben Achtel lange Jeans, dazwischen ungeschützte Haut. Jetzt wollte ich es genau wissen. Ich fragte die so Gekleidete, ob ich ihr eine Frage stellen dürfe, und nach einem vorsichtigen "Ja-ah?" wies ich auf Hose, Schuhe und Beinfreiheit hin und wollte wissen, ob ihr nicht kalt sei. "Oh ja, sehr sogar", war die freimütige Antwort. Warum sie dann eine so kurze Hose trage? "Meine Beine sind so lang, und ich bekomme keine passenden Jeans." Die erste Hälfte traf durchaus zu, die zweite - naja.


    Aber längere Socken würden doch das freie Stück Wade überbrücken? "Das will ich niemandem antun, das würde ja grässlich aussehen." Und höhere Schuhe, wie ihre Freundin sie trägt? "Ich hab keine passenden gefunden. Und der Winter ist eh bald vorbei."

    Ich erzählte der Frierenden von meinen Erfahrungen mit einer englischen Marke, die für den Winter dicke und für den Sommer dünnere, jeweils karierte Socken anbiete, äußerst praktisch und darüber hinaus schön anzusehen. "Ich werde es mir überlegen", gab sie mit einem charmanten Lächeln zurück. Die U-Bahn der beiden jungen Damen fuhr ein und wir verabschiedeten uns.

    Das waren ja ein paar wirklich originelle Begründungen für eine offenkundige Zwangslage: Keine langen Jeans zu bekommen, hohe Schuhe auch nicht - und längere Socken sind tabu. Glauben kann ich’s nicht ganz. Die traurige Wahrheit scheint zu sein: Die einen schaffen sich eine winterfeste Ausrüstung an, die anderen folgen dem gerade herrschenden Bekleidungstrend und frieren.

    Als ich dann in der U-Bahn saß, entdeckte ich, wie man einem derartigen Dilemma entrinnen kann: Da saß ein junger Mann, dessen Hose, wie dies schon seit längerer Zeit allenthalben zu sehen ist, ein riesiges Loch am Oberschenkel aufwies. Allerdings kam hier keine Haut zum Vorschein - das fehlende Stück war durch roten Karostoff ersetzt. Farblich passend zum tiefen Schwarz des Beinkleides und offensichtlich die Winterversion des Modells Zerrissene Hose. Wir sehen: Das Tragen modischer Kleidung im Winter muss nicht unbedingt mit Leid verbunden sein.




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    Dokument erstellt am 2018-02-22 16:14:31


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