• vom 28.02.2018, 17:02 Uhr

Glossen

Update: 14.03.2018, 15:59 Uhr

Maschinenraum

Vielstimmiger Abgesang




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Das Ende ist nah! So tönt es aus vielen Ecken, Fabriken, Garagen und Proberäumen dieses Planeten. Bewiesen kann oft nur das Gegenteil werden.



Der Dieselmotor ist tot. Die Demokratie ist tot. Die CD ist tot. Vinyl ist tot. Das Album-Format ist tot... Ständig und allerorten lese ich publizistische Partezettel. Dabei erfreut sich die Mehrzahl der Totgeschriebenen ungebrochen eines - mehr oder minder vitalen - Lebens. Gewiss ist es schmerzhaft, zuvorderst für Betroffene, wenn jetzt Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge ausgesprochen werden (bislang wurde ja nur die theoretische Möglichkeit dafür von deutschen Gerichten festgehalten). Man kann übrigens getrost davon ausgehen, dass sich die österreichische Politik rasch an den großen Bruder Deutschland anlehnen wird, aller Herumlaviererei zum Trotz. Dennoch wird das Konzept des Dieselmotors nicht vorschnell zum Alteisen zu werfen sein; man kann nicht von heute auf morgen per Verordnung den Lkw- und Personenverkehr auf die Hälfte reduzieren. Freilich: In einer Gesellschaft, die nicht nur hysterisch reflexhaft agiert, sondern für tiefgreifende Paradigmenwechsel auch einen Masterplan in der Tasche hat (hat sie?), steht der Verbrennungsmotor generell auf dem Prüfstand. Seit Jahren. Wie das aber mit der aktuellen Rekordnachfrage nach neuen Benzindroschken und der immer noch hartschaumgebremsten Absetzbarkeit von Elektromobilen zusammenhängt, sollen uns bitte die Trendanalysten und Zukunftsforscher erklären. Oder die Tiefenpsychologen.

Eine Todesnachricht erscheint auch in einem Fall nicht wirklich angebracht, der gerade durch die Medien geistert: der weltberühmte Gitarrenhersteller Gibson stehe vor dem Konkurs. Das tut er wohl wirklich. Aber es wird nicht das Ende des 1902 gegründeten, in Nashville, Tennessee ansässigen Traditionsunternehmens sein. 1936 schickte Gibson mit dem Modell ES-150 die erste industriell in Großserie hergestellte Elektrogitarre ins Rennen, Musiker Les Paul stand für die bis heute berühmteste Gibson-Klampfe namentlich Pate. Dafür haben sich nicht nur Könner wie Keith Richards, Carlos Santana, Slash oder Neil Young bedankt, sondern auch Millionen Rockfans. Wie also kann eine derart gut eingeführte Firma an den Rand des Bankrotts schlittern? Das hat zunächst einen ganz kuriosen Grund: Das Spitzenmanagement von Gibson entschloss sich 2014, die Unterhaltungselektronik-Sparte des niederländischen Industriegiganten Philips zu kaufen. Um 135 Millionen Dollar, aber einem deutlich höhren Schuldenberg als zusätzliche Hypothek. Genau diese kann man jetzt nicht bedienen. Die Gitarrenbau-Abteilung - ohne Zweifel bedrängt von chinesischen Billigkonkurrenten und Kritik an der Fertigungsgüte der teuren Instrumente - ist nicht das Problem. Wie immer bei werthaltigen Marken haben sich aber schon zahlreiche Interessenten gemeldet, die Gibson aus der Patsche helfen wollen. Dass manche dabei geierhafte Züge tragen, liegt in der kapitalistischen Natur der Sache.


Ich begleite das Schauspiel, indem ich nach Jahrzehnten wieder einmal eine Gitarre in die Hand nehme und zu üben beginne. "Knockin’ On Heavens Door" mit seinen gerade fünf Akkorden beherrsche ich passenderweise schon ganz gut, wenn auch noch nicht ganz so locker wie Bob Dylan himself. Dass mir jetzt ständig Artikel unterkommen, die das Ende der Gitarre in der Pop- und Rockmusik-Produktion verkünden, stimmt mich eher todfröhlich.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-28 17:05:37
Letzte Änderung am 2018-03-14 15:59:47


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