• vom 01.03.2018, 16:29 Uhr

Glossen


Kopftuchverbot

Das Toupet bleibt vorerst erlaubt




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Die Wollhaube auch. Aber nur, solange keinem einfällt, das Kopftuch zu verbieten. (Auf Österreichisch.)



Ein Kopftuchverbot? Ist das nicht ein bissl sexistisch? Weil das trifft doch ausschließlich die Frauen. Na ja, die muslimischen Männer setzen halt kein Kopftuch auf. Die dürfen sowieso fast alles anziehen, was sie wollen. Und müssen nicht das anziehen wollen, was sie dürfen. Eben. So wie sie keine Burka tragen. Oder einen Niqab. (Diesen Gesichtsschleier.) Aber als der Gesetzgeber diese radikalmisogynen Textilien verbieten wollte, hat er wenigstens eine Lösung gefunden, die niemanden diskriminiert: das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz. Alle müssen jetzt leiden. Oder eigentlich alle andern. Denn die Geldstrafen der einen zahlt ja dieser algerische Millionär. Sein "Verein zur Ausübung von Gesichtskunst".

Ach so: Kindergärten und Schulen. Eh bloß die würde die neue Landesparteisekretärin der Wiener SPÖ, Barbara Novak, zu kopftuchfreien Zonen machen wollen. Der Sektion 8 ihrer eigenen Partei wäre aber sogar das zu viel. Das sei "Ausgrenzungspolitik". Ja, und wenn das so weitergeht mit dieser tatsächlich um sich greifenden Ausgrenzungspolitik, wird noch der Tag kommen, wo der Bundespräsident alle Mamas und Papas bitten wird müssen, ihren Töchtern ein Kopftuch aufzusetzen, bevor sie sie im Kindergarten oder in der Volksschule abliefern. Alle. Aus Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun. Offensichtlich geht’s da nämlich überhaupt nicht um Integration. (Außerdem: Wie soll man wen integrieren, der nimmer zum Unterricht erscheint?) Oder um den Jugendschutz. Dieses Stückl Stoff ist nicht jugendfrei? Nach Reizwäsche schaut mir das freilich nicht aus. Okay, irgendwie macht es die Trägerin vielleicht schon zum Sexobjekt. Beziehungsweise reduziert es sie auf ihren (anstößigen) Körper. Bereits beim Anblick ihrer Haare mutieren die Männer ja angeblich zu willenlosen Testosteronzombies.


Kein Kopftuch in der Schule? Lächerlich. Keiner will schließlich islamophob sein. Und Christophobiker könnten im Gegenzug fordern, dass auch die Kreuze aus den Klassenzimmern verschwinden. Würde man die daraufhin wirklich entfernen (weil die - zumindest optische - Gleichstellung von Buben und Mädchen eben wichtiger ist), dann würden die Kopftuchbefreiten halt mit Wollhaube und Rollkragenpullover in der Klasse sitzen und der Islam hätte gewonnen. Nein, ein Kopftuchverbot muss genauso konfessions- und geschlechtsneutral formuliert sein wie das Burkaverbot: "Bundesgesetz über das Verbot der Bedeckung des Kopfes in Kindergarten und Schule." Und wenn einige Musliminnen trotzdem lieber daheimbleiben, weil sie sich oben "ohne" nackert fühlen? Kann nicht passieren. Schulpflicht, hallo?

Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, dass das Kopftuch generell nicht zu unseren Werten passt. Sonst kriegen wir ein totales Kopfbedeckungsverbot. Ausnahme: die Tellerkappen der Polizei, die alle ungerechtfertigt bedeckten Personen abstrafen wird müssen. (Plus zwei Grad? Viel zu warm für ein Hauberl. 150 Euro!) He, ist ein Toupet eine Kopfbedeckung? Und Novomatic wird Insolvenz anmelden müssen, weil der Niki Lauda, den ohne sein rotes Kapperl sowieso keiner mehr kennen wird, keine Werbung mehr für die machen darf. Das Kopftuch wird dagegen kein Problem sein. Um diese Bußgelder wird sich der "Verein zur Pflege von Kopfschmuck" kümmern.




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Dokument erstellt am 2018-03-01 16:33:43


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