• vom 10.03.2018, 11:00 Uhr

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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.

    Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.

    Andreas Rauschal, Jahrgang 1984, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.


    Der gläserne Mensch ist das Thema nicht nur dieser Stunde. Und irgendwo neben dem Bundestrojaner und anderen Spying-Tools mehr, denen man skandalöserweise ausgesetzt ist, ohne davon zu wissen, sind wir hippen Humans des 21. Jahrhunderts natürlich auch selbst schuld daran.

    Womöglich ist das Smartphone, das uns gerade generalüberwacht, halt einfach so praktisch wie die Möglichkeit, Daten in unsichere Clouds zu hängen, nur um bequem jederzeit Zugriff zu haben. Vom Spaß an der Selbstentblößung via Social Media oder der Neigung von Vorarlberger Architekten zum Einfamilienhaus mit Glasfassade, durch die man uns beim Nasenbohren zusehen kann, einmal ganz abgesehen: Spätestens am Flughafen beim Security Check gibt es für niemanden einen Ausweg. Allfällige Flüssigkeiten bitte in das durchsichtige Sackerl geben! Hoffentlich sind keine verfänglichen dabei. Man steht hier ja nicht nur blöd vor dem diensthabenden Kontrolleur und gefühlten 256 Überwachungskameras herum, sondern auch unter der Beobachtung der restlichen Warteschlange.


    Vermutlich ist es ein Trend, der vor drei Jahren von irgendwem losgetreten wurde, der in Londonparisnewyork oder Instagram wohnt, und jetzt mit der üblichen Verspätung auch in Wien eintrifft - jedenfalls verwundert es vor diesem Hintergrund doch, dass man in letzter Zeit auf dem Weg in die Arbeit immer wieder Leute beobachten kann, die handelsübliche Hand- oder Umhängetaschen durch transparente PVC-Beutel ersetzen. Die sehen abzüglich dort angebrachter Motive wie Seesternchen, Anker, Gummiente oder Forelle aus wie das Zeugs, in das man als Kind in den 80er Jahren seine Schwimmflügerl gesteckt hat, wenn es ins Freibad ging - und legen den ganzen mobilen Hausrat des Besitzers offen.

    Zwar wird gelegentlich über die Geheimnisse und das wahrscheinlich unendliche Fassungsvermögen einer Damenhandtasche gerätselt, weil die Besitzerin darin wieder einmal eine gute Viertelstunde lang auf der Suche nach etwas herumwühlt - die PVC-Variante allerdings kann hier nicht nur den Gegenbeweis antreten, nein, sie weiß die Notwendigkeit der Durchwühlung bereits auch im Vorhinein zu verhindern. Nicht nur die Besitzerin, sondern die ganze U-Bahn kann ja jederzeit von außen nachsehen, ob die Schlüssel dabei sind. Wenn es doch nur die Schlüssel wären! Man will zum Beispiel das halbe Semmerl von vorgestern mit Krakauer und Gurkerl nicht sehen, das sein kümmerliches Dasein unter zwei benutzten Taschentüchern neben einem verrunzelten Apfel fristet. Vorsicht auch mit Einkäufen beim Erotik- artikelanbieter des Vertrauens!

    Der Innenminister jedenfalls wird den Trend entschieden begrüßen und die Transparenztasche vielleicht irgendwann zwangsverordnen. Was nicht tickt und weder Kabel noch Zündvorrichtung besitzt, ist keine Bombe.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-03-08 15:29:41
    Letzte Änderung am 2018-03-08 15:36:20


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