• vom 17.03.2018, 11:00 Uhr

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(K)ein Kinderspiel




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Von Mario Rausch


    Kinder sind seit jeher sehr erfinderisch darin, alltägliche Gegenstände zu einem Spielzeug zu machen. Wenn etwa die Kinder im alten Griechenland ihr geliebtes "Tropa" spielten, verwendeten sie Nüsse, die in genau festgelegter Reihenfolge in Löcher geworfen werden mussten; ein Geschicklichkeitsspiel, das ein wenig an das moderne Minigolf erinnert. Auch im alten Rom war das Spielen mit Nüssen so verbreitet, dass man die Kindheit als solche "Zeit der Nüsse" nannte. Antike Bilder zeigen, dass Kinder auch Kegel verwendeten, Verstecken und Blindekuh spielten und sich verkleideten. Überliefert ist weiters, dass sie sich im Hüpfen auf einem Bein maßen, also mitzählten, wem die meisten Sprünge gelangen.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.


    Grundsätzlich war die Kindheit in der Antike aber bei Weitem nicht so geschützt und unbeschwert wie in unserer Gesellschaft. Kinder galten damals als "unfertige Erwachsene", die man mithilfe der richtigen Erziehung formen musste: "Sowie man den Gliedern der Kinder gleich nach der Geburt die gehörige Richtung gibt, damit sie gleichmäßig gerade wachsen, so muss man von Anfang an den Charakter der Kinder bilden. Kinderseelen sind wie Wachs, man kann Lehren wie ein Siegel in sie eindrücken." (Plutarch: "De liberis educandis"). Körperliche Züchtigung von Kindern war für viele Eltern eine Selbstverständlichkeit, über die man sich keine Gedanken machte. Nur manche Philosophen wie etwa Seneca lehnten sie als verwerflich ab: "Wird der nicht als der schlechteste Vater erscheinen, der die Kinder mit ständigen Schlägen auch aus den geringfügigsten Gründen züchtigt (. . .)? Ist es etwa billig, dass über einen Menschen drückender und härter geherrscht wird, als man stummen Tieren befiehlt?" (Seneca: "Clementia").

    Eine schulische Ausbildung war den Sprösslingen vornehmer Familien vorbehalten, denn der Schulbesuch war kostspielig und die Armen konnten auf die Arbeitskraft ihrer Kinder nicht verzichten. So war es völlig klar, dass die kleinen Griechen und Römer die Eltern am Bauernhof oder in der Werkstatt unterstützten und so das Handwerk des Vaters erlernten. Mädchen halfen der Mutter im Haushalt und wurden so auf ihre spätere Rolle als Ehefrau vorbereitet.

    Nicht immer aber waren die neuen Erdenbürger willkommen. Körperlich missgebildete Kinder durften im alten Rom straflos ausgesetzt werden, und nicht selten entschieden sich Familien der Unterschicht dafür, die weibliche Nachkommenschaft aus Kostengründen ebenfalls nicht aufzuziehen. Immerhin wurden die Kinder meist an einem belebten Platz abgelegt, um gefunden zu werden. Erst im 4. Jh. im Zuge der Christianisierung wurden derartige Kindesweglegungen verboten.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-03-15 16:23:47
    Letzte Änderung am 2018-03-15 16:33:16


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