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Update: 22.03.2018, 14:14 Uhr

Maschinenraum

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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Die Cambridge-Analytics-Affäre illustriert die Charakterschwächen von Facebook. Überraschung ist sie keine.



Mein allererster "Maschinenraum"-Eintrag zum Thema Facebook stammt aus dem Jahr 2009. Die Social-Media-Plattform hatte damals schon 200 Millionen User (heute sind es mehr als zwei Milliarden), ich konnte mich also keineswegs als Early Adopter oder gar Digital-Avantgardist gerieren. Also versuchte ich es mit Ironie. Man hätte mich in den "allseits grassierenden Facebook-Wahn reingetrieben", schrieb ich, und dieses Universum sei durchwegs von "harmlosen Irren" bevölkert. Das Gegenteil war (und ist) wahr: Als seiner Sinne halbwegs mächtiger erwachsener Mensch hätte ich mich in Enthaltsamkeit üben können. Und den Charakter dieser Bassena 2.0 lernte ich rasch kennen. Irre gibt es hier mehr als genug, harmlos sind nicht alle. Wie im richtigen Leben.

"Wenn Aufmerksamkeit die Währung des 21. Jahrhunderts ist, dann zahlen wir gerade einen hohen Preis", so meine Einschätzung vor neun Jahren. Und: "Man muss nicht so weit gehen wie Verschwörungstheoretiker, die Facebook für eine Erfindung des chinesischen Geheimdienstes halten zur beiläufig-nachhaltigen Untergrabung der Arbeitsmoral der westlichen Hemisphäre." Knapp daneben. In exakt demselben Jahr, also 2009, investierte der russische Social-
Media-Mogul Juri Borissowitsch Milner - das Finanzmagazin "Bloomberg" zählt ihn zu den 50 einflussreichsten Personen der Welt - 200 Millionen Dollar in das Netzwerk seines US-Konkurrenten Mark Zuckerberg. Seither reißen die Verschwörungstheorien nicht ab, dass Russland seine Finger tief drin hat in Facebook. Und dieser Dienst einer jener Faktoren war, die Donald Trump zum US-Präsidenten machten. Man kann das alles glauben oder, Meinungsfreiheit, Baby!, auch nicht - aber seit wenigen Tagen hat Facebook ein massives Problem. Stichwort: Cambridge Analytica. Dieses Unternehmen hat, wie wir nun wissen, die privaten Daten von über fünfzig Millionen Usern angezapft und ungeniert für Trumps Wahlwerbung oder Englands Brexit-Entscheidung ausgewertet. Facebook ist entweder Opfer oder Mittäter: Beides wirft kein gutes Licht auf die weltgrößte Big-
Data-Mine. Mittlerweile hat nicht nur der US-Senat, sondern auch das EU-Parlament Mark Zuckerberg vor-, Pardon: eingeladen, um klarzustellen, dass "persönliche Daten nicht dazu benutzt werden, die Demokratie zu manipulieren". Folge: Der Aktienkurs fiel umgehend um sieben Prozent (das klingt nicht nach viel, macht aber zig Milliarden Dollar Marktwert aus). Die alte Börseregel "Buy on bad news" hilft da mittelfristig auch nicht weiter - weil Zuckerberg & Co. unter gesellschaftlichem Druck ihr immer schon zynisch konstruiertes Geschäftsmodell nachjustieren werden müssen. Möglicherweise mit mehr Spurenelementen von Moral. Und das kann teuer kommen. Zudem macht der Slogan #DeleteFacebook die Runde. Abmelden!? Nun: Ich bin noch hier. Viele andere sind es auch. Wir verbreiten - jetzt erst recht? - die für Aktionäre frohe Botschaft naiver Eselsgeduld. Eventuell auch nur die von Denkträgheit und Sucht. Solche Inhalte zählen zu den rührendsten in diesem Medium, das ja eigentlich nur ein Technologiekonzern sein will. Und uns und unsere Stories und selbst unseren Zweifel als attraktives Werbeumfeld verhökert. So viel ist sicher: Eigentlich schuldet mir Mark Zuckerberg eine schöne Stange Geld.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-21 15:48:01
Letzte Änderung am 2018-03-22 14:14:55


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