• vom 23.03.2018, 17:24 Uhr

Glossen

Update: 26.03.2018, 12:41 Uhr

China

y = x hoch 2 d’ Austria




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Die Parabel ist nicht nur in der Mathematik verbreitet. Man findet sie auch in der Literatur. Manchmal sogar unter den Chronik-Meldungen.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen findenSie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen findenSie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen findenSie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Eine der Aufgabe des Satirikers (wie jedes anderen Künstlers auch) ist es zweifelsohne, Bilder und Geschichten zu finden, die auf den ersten Blick unterhalten, bei näherer Betrachtung aber auch zusätzliche Bedeutungsebenen entfalten. Diese Fähigkeit macht es ihm (oder ihr) vor allem in unfreien Ländern (aber nicht nur dort) möglich, Dinge anzusprechen, ohne von staatlichen Behörden drangsaliert zu werden.

So hat mir ein Freund etwa von einer Ausstellung in China erzählt, in der ein roter Stern zu sehen war, der sich einem krakenartigen Monster gleich von einer Ecke des Ausstellungsraums über den Rest des Zimmers ausgebreitet hatte. Wer will, kann darin Kritik an der kommunistischen Partei Chinas erkennen, die sich in alle Belange des täglichen Lebens im Reich der Mitte einmischt. Der Titel der Installation war freilich schlicht "Oktopus".


Vielleicht sitzt jetzt auch irgendwo in Russland ein Schriftsteller, der an einer Kurzgeschichte über einen Großbauern aus dem 19. Jahrhundert schreibt, der "Wladimir" heißen könnte und vor lauter Angst vor seinen Nachbarn regelmäßig diese mit seinen abgerichteten Kampfhunden überfällt und Teile von deren Grund und Boden beansprucht. Eine harmlose kleine Geschichte vom Land also, die freilich nichts mit russischer Außenpolitik zu tun hat, wie unser fiktiver Literat betonen würde.

Auch ein türkisches Gedicht wäre möglich, das in schönster orientalischer Tradition einen Sultan beschreibt, der aus Angst vor einer Verschwörung jedes Zimmer seines Palastes durch geheime Rohre mit seinem Schlafzimmer verbinden lässt, damit er stets hören kann, was wer wo mit wem spricht.

Oder wie wär’s mit einem Country-Song über den Cowboy McDonald, der jedes Rodeo-Rennen gewinnt, weil er die Schiedsrichter besticht? Alles denkbar.

Die schönsten Geschichten aber (um diese Plattitüde zu bemühen) schreibt das Leben. Nehmen wir beispielsweise die hiesige Innenpolitik: Die Einsatztruppe gegen Straßenkriminalität macht eine Hausdurchsuchung beim Verfassungsschutz. Vielleicht, weil es um Verbindungen der einen Regierungspartei zu Rechtsradikalen geht, vielleicht, weil es sich aber auch um nordkoreanische Pässe dreht. Gleichzeitig stellt dieser Verfassungsschutz fest, dass der Vizekanzler - entgegen seiner Behauptung - nicht abgehört worden ist. Parallel dazu insistieren Vizekanzler und Innenminister regelmäßig, einer "Sicherheitspartei" anzugehören. Der Kanzler sagt zu alldem logischerweise nichts. Zeitgleich scheitert die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses über diese Affäre im Parlament. Dort wird folglich hitzig debattiert. Nämlich über das Jetzt-doch-nicht-Rauchverbot. Und - zack! - platzt plötzlich mitten in dieses heimische Kuddelmuddel die Meldung, dass ein Sessellift einer österreichischen Firma (die auch noch "Doppelmayr" heißt, man denke an die Bedeutung von "meier gehen" im Wienerischen) aufgrund einer Fehlfunktion wie verrückt rückwärts rast.

Ein schöneres Bild für den Zustand dieser Republik wäre mir auch nicht eingefallen.

In diesem Sinne: Ski heil!




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-23 17:29:53
Letzte Änderung am 2018-03-26 12:41:54


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