• vom 30.03.2018, 16:30 Uhr

Glossen

Update: 03.04.2018, 12:15 Uhr

Glossenhauer

Tradition verpflichtet




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Von Severin Groebner

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  • Dieser Ostersonntag ist ein ganz besonderer Ostersonntag. Und er könnte einer der lustigsten werden.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Traditionen werden hierzulande hochgehalten. Die Schützen ballern in die Luft, auf den Fassln wird gerutscht, bis zentimeterlange Holzschiefer im Hintern stecken, und die Bürgermeister schauen nach der Sonntagsmesse tief in die Dekolletees von reschen Madln in feschen Dirndln. Warum? "Weis fria so Brauch woa und wei sa se heit a no so gheat!" Tradition rules.

Was aber, wenn - aufgrund einer seltenen kalendarischen Zufälligkeit - zwei Traditionen in einem Tag kulminieren? Dann muss man eben improvisieren.


Sicher wird am Anfang noch Unklarheit herrschen, wer die Osterkerze in der Kirche mit Benzin übergossen hat. Aber bald wird es sich aufklären, schließlich hast du dem Pfarrer gleich danach via Proxy-Server ein freundliches "April, April!" geschickt. Der wird das verstehen. Der hat Humor. Und ohne Augenbrauen sieht er eigentlich besser aus.

Auch das Ostereiersuchen im Garten war schon lange nicht mehr so entspannt wie heuer. Und vor allem so lang. Und wenn die Kinder dann frustriert, heulend und ohne ein einziges Nest, Ei oder sonst irgendwas nach Stunden wiederkehren, sagst du laut: "April, April!" Schließlich ist alles in der Garage versteckt. Und schon ist alles wieder gut.

Anschließend gibt es wie immer Osterfrühstück. Mit Ostereier-Pecken. Jeder will da einmal gewinnen und ditscht mit seinem Ei aufs andere drauf. Schließlich sind die alle schön bunt. Und gekocht. Zumindest gehen davon alle aus . . .

Aber wie groß ist doch die Überraschung, wenn die am Tisch versammelte Familie bemerkt, dass du die gekochten bunten Eier schnell noch durch ungekochte bunte ausgetauscht hast! Was für ein Spaß, wenn alle von oben bis unten mit rohem Ei angepatzt dasitzen! Alle, nur du nicht. Dafür schenkst du ihnen auch ein freundliches "April, April!"

Um danach die erhitzten Gemüter zu beruhigen, gibt es einen ganz traditionellen Osterspaziergang. Du führst die ganze Verwandtschaft zu einer idyllischen Gastwirtschaft im Wienerwald. Und wenn ihr dann als Einzige Platz genommen habt, sind wirklich alle sehr überrascht, wie schön es hier ist. Es wird gegessen und getrunken, und irgendwann fragt sich einer am Tisch, warum eigentlich an so einem schönen Platz zu Ostern so wenig los ist. Dass du vorher alles reserviert hast, verrätst du nicht. Nein, du machst ein sorgenvolles Gesicht und beklagst die Vorurteile der Menschen. Schließlich habe der Inhaber seine Strafe wegen Giftmords ja abgesessen, und man müsse ihm doch eine Chance geben. Obendrein, wo er diesen Platz mit seinem letzten Geld gekauft habe. Und alles hergerichtet. Und wie schön! Man sehe gar nicht mehr, dass das früher die Mülldeponie für die radioaktiven Abfälle der Wiener Krankenhäuser gewesen sei. Was aber mittlerweile wurscht sei, da das Areal dreimal ein führender Energetiker gereingt habe. Ein guter Mann. Der Wirt kenne ihn aus dem Häf’n. Und dann holst du tief Luft und rufst deiner kreischenden, sich im Laufschritt entfernenden Verwandtschaft "April, April!" nach . . . und alles wird gut.

Sie werden irgendwann schon wieder mit dir sprechen. Und dann werden sie einsehen, dass du das alles nicht freiwillig getan hast. Tradition verpflichtet eben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-30 16:35:58
Letzte Änderung am 2018-04-03 12:15:01



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