• vom 14.04.2018, 11:00 Uhr

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Alter Nahostkonflikt




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Von Mario Rausch


    "In seiner Grausamkeit kannte er kein Mitleid, in seiner Ruchlosigkeit keine Scham, und nie hat einer so die Wahrheit in Lüge verkehrt oder schlauere Mittel ersonnen, um verbrecherische Absichten zu erreichen."

    Diese wenig schmeichelhafte Charakterisierung fand derjüdische Historiker Flavius Josephus für einen Mann, der durch seine Skrupellosigkeit den ersten großen Aufstand der Juden gegen die römischen Fremdherrscher auslöste: den Prokurator Gessius Florus. Als die jüdische Bevölkerung die Summe von 600 Sesterzen schuldig blieb, befahl dieser im Mai 66 seinen Soldaten, in den Tempel einzudringen und vom Tempelschatz etwa 435 Kilogramm Silber zu beschlagnahmen. Ein Sakrileg, das die kampfbereiten Juden zum Anlass nahmen, sich gewaltsam gegen die ungeliebten Römer zu erheben.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970,
    studierte Klassische Archäologie und Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.

    Als Nebenland der wichtigen Provinz Syrien fristete Judäa damals ein Schattendasein, wo die sozialen Spannungen sich im Lauf des 1. Jahrhunderts zunehmend verschärften. Während aber die Hohepriester, Herodianer und ihre Anhänger für eine friedliche Zusammenarbeit mit Rom plädierten, gewannen auf dem Land und in den städtischen Elendsquartieren jene die Oberhand, die die Ursache für alles Unglück in selbst verschuldeter Gottlosigkeit sahen und von einer baldigen Ankunft des Messias überzeugt waren. Daher eröffneten diese Zeloten (griechisch: Eiferer) einen Guerillakrieg gegen die Unterdrücker und terrorisierten jene Glaubensgenossen, die anderer Ansicht waren als sie.

    Nachdem die Juden anfangs große militärische Erfolge gefeiert hatten und die Lage in Palästina zunehmend aus dem Ruder lief, beauftragte Kaiser Nero im Jahr 68 den bewährten General Vespasian, den Unruheherd Judäa zu "befrieden". Und dies tat der Heerführer mit solchem Erfolg, dass er schließlich zwei Jahre später selbst zum Kaiser ausgerufen wurde.

    Die Beendigung des jüdischen Aufstandes, die Eroberung Jerusalems, überließ Vespasian dann seinem Sohn Titus. Doch während die Römer die Stadt einschlossen und mit der Belagerung begannen, führten die Zeloten im Inneren ein Schreckensregiment gegen die Familien der Hohepriester und ihre Anhänger und bekämpften sich schließlich gegenseitig.

    Als die beiden verbliebenenZelotenführer endlich ihre Kräfte gegen die Römer bündeln wollten, war es zu spät: Titus und seine Truppen eroberten Jerusalem und sämtliche Überlebenden wurden versklavt oder getötet, die Stadt völlig zerstört. Vom Triumphzug, den Vespasian und Titus 71 in Rom feierten, zeugt der Titusbogen am Forum Romanum - bis heute Mahnmal einer der dunkelsten Stunden des Judentums.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-04-13 10:21:24
    Letzte Änderung am 2018-04-13 11:21:55


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