• vom 15.04.2018, 11:00 Uhr

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Keine Zeit für Facebook




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Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover. Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Mag sein, dass das rückständig klingt, aber ich muss zugeben, ich war nie auf Facebook. Oder heißt das: in Facebook? Wenn es so heißt, war ich auch nicht drin. Nun lässt sich das im Lichte der letzten Skandale als Weitsicht verkaufen - schon interessant, wie die Geschichte einem in Dingen recht geben kann, über die man bisher überhaupt nicht nachgedacht hat. Denn der Grund, warum ich nie auf oder in Facebook war, ist ganz einfach der: Keine Zeit, zu viele Freunde, mit denen ich die Zeit verplempert habe. Vielleicht wär es ja besser gewesen, in Facebook sinnvolle Dinge zu verbreiten, aber es ging nicht.

    Nur zum Beispiel: Montagabend ist Kartenspiel, und dies natürlich nicht daheim, sondern im Stammbeisl, hinten in einer düsteren Ecke, aber - Stil muss sein - auf einer grünen Filzdecke. Der Grund für dieses montägliche Ritual resultiert aus der einsichtigen Tatsache, dass es immer schon so war. Wenn kein Kartenspiel zustande kommt oder an anderen Abenden, die an jedem Tag der Woche stattfinden können, war und ist es so, dass man über Dinge redet, die wegen ihrer richtungsweisenden Nebensächlichkeit von epochaler Bedeutung sind - und komischerweise nie darüber, warum man eigentlich sozusagen rituell am Montag Karten spielt, am Dienstag aber eher nicht. Dienstags oder auch donnerstags, egal, redet man über Dinge, die sich gerade ergeben.


    Und was sich gerade ergibt, ist abhängig von der zufälligen Belegschaft aus Freunden und Freundesfreunden. Was auch immer jemand Abenteuerliches erlebt hat, wird der Runde offeriert und zum Gegenstand heftiger Debatten. Zum Beispiel: Hat ein Fahrzeug, das von rechts aus einer unbeschilderten und mithin vorfahrtsberechtigten Straße kommt, auch dann Vorfahrt, wenn es rückwärts rauskommt?

    Es gab einige Wochen lang interessante Laborexperimente mit Bierdeckeln, aus denen Straßenkreuzungen zusammengelegt wurden, und Salz- und Pfefferstreuer zur Simulation der Fahrzeuge selbst. Wobei als Nebeneffekt die gloriose Einrichtung erfunden wurde, Autos im Winter mit Salzstreuvorrichtungen auszustatten. Lösung des eigentlichen Problems gab es keine. Die eine wie die andere Meinungspartei hatte ihre Follower, die heftig den Daumen hoben und senkten. Man richtete schließlich eine Suchanfrage an die Polizei.

    Und so war das und so ist das mit der Qualität von Weinen, die man debattiert und in Echtzeit prüfen kann, oder mit Beziehungen, die einen gewissen Vorteil versprechen, weil jemand in der Stadt, die man besuchen will, jemanden kennt, den man unbedingt kontaktieren sollte, weil er Mitglied dieses als Freunderlwirtschaft diskreditierten Netzwerks ist. Dabei ist man zumindest relativ einsam, während die auf oder in Facebook Abertausende von Freunden haben.

    Nun aber hat das alles, wie gesagt, eine neue Bedeutung. Es erinnert irgendwie an die, die am Ufer des Flusses (oder auch mit Freunden im Beisl) sitzen und warten.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-04-13 10:24:11
    Letzte Änderung am 2018-04-13 11:23:05


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