• vom 13.04.2018, 17:55 Uhr

Glossen

Update: 23.04.2018, 16:27 Uhr

Glossenhauer

It’s only History, but I like it




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Von Severin Groebner

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  • Jeder hat so seinen Schaden. Meiner ist von weltpolitischer Dimension.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Ich bin historisch versaut. Einerseits habe ich zahlreiche Fakten, Zahlen und Personen in meinem Kopf fix gespeichert, kann mir aber andererseits nicht einmal die Namen der Kindergärtnerinnen meines Sohnes merken. Aber vielleicht kann ich Zwentibold, Urenkel des Ludwig des Deutschen und Sohn von Arnolf von Kärnten, fragen, ob er auf meinen kleinen Buben aufpasst. Der ist ja erst 1118 Jahre tot. Der hat sicher Zeit.

Aber die historische Vergiftung geht noch viel weiter. Beim Darts konzentriere mich darauf, historisch relevante Ergebnisse zu erzielen. Etwa: 15, ja! 5, ja! 3, juhu! Für alle anderen ein schlechter Wurf, für mich der Fall Konstantinopels. Wenn ich es einmal schaffe, die Issos-Keilerei, also 333, zu werfen, werd ich richtig euphorisch. Leider weiß ich nicht, wie man beim Darts vor oder nach Christus wirft.


Dieser historische Schaden spielt auch ins Familienleben hinein. Sandburgen bauen am Strand mag für einfachere Gemüter ein lustiger Freizeitspaß sein, mit Kinder lachen, Sonnenschein, Wellenrauschen... für mich ist es die Gelegenheit, den weltberühmten Mont-Saint-Michel samt der Abtei aus dem 11. Jahrhundert detailgetreu nach zu formen. Im Maßstab 1:20. Und bei so einer Herausforderung stören Frau und Kind nur. Urlaub hin, Urlaub her, die sollen im Hotelzimmer bleiben und fernsehen.

Noch schlimmer wird es bei der jüngeren Geschichte. Denn hier sind nicht nur Bauten und Dokumente überliefert, sondern ganze Ton- und Bildaufnahmen. Oft sieht man mich daher in fremden Städten vor Gefängnissen, geschlossen Anstalten, Zoos oder anderen ummauerten Gebieten stehen und laut rufen: "Mister Gorbatchow, tear down that Wall!" An schlechten Tagen. An guten dagegen: "Ick bin ein Berliner!" Ein großer Satz. Schließlich ist dieses Kennedy-Zitat das mir einzig bekannte Eingeständnis eines Staatsoberhauptes, ein Faschingskrapfen zu sein.

Ganz tragisch wird es aber, wenn ich auf Tour in ein Hotelzimmer komme, in dem es einen Balkon gibt. Kommt natürlich darauf an, wo der Balkon steht. In Deutschland zum Beispiel stell ich mich immer direkt ans Geländer und sage laut und deutlich: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise . . ." und warte dann auf den aufbrausenden Jubel, der mich unterbricht. Manchmal steh ich Tage so da. Der Deutsche jubelt nicht so gerne, wenn keine Fernsehkameras da sind. Anders in Österreich. Da bin ich bisher immer auf den Balkon getreten und habe gerufen: "Österreich ist frei!" Und habe dann den verwundert zu mir heraufblickenden Fußgängern eine reich bebilderte, großformatige Speisekarte (die ich zu diesem Zweck stets mit mir führe) entgegengehalten.

Seit neuestem stehe ich aber nur noch steif da und sage mit einer Stimme, die nach einer Ente mit Raucherhusten klingt: "Ich verkünde vor der Geschichte den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich." Und warte auf "Sieg Heil"-Rufe. Die kommen dann aber gar nicht. Letztens hat nur einer "Scheiß Piefke!" zu mir hinauf gebrüllt.

Es ist halt nichts mehr wie früher. Die Geschichte bleibt nicht stehen.

Ich weiß das. Bin ja historisch gebildet. Und total versaut.




Schlagwörter

Glossenhauer, Geschichte, Balkon

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-13 18:00:10
Letzte Änderung am 2018-04-23 16:27:22


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