• vom 19.04.2018, 16:41 Uhr

Glossen


Deutschförderklassen

Sie müssen Deutschklasse




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Gut so. Findet auch einer, der selber große Sprachprobleme gehabt hat: ein Steirer. Aber ist Deutsch lernen zu müssen nicht ausländerfeindlich?



Ich kann da ja eigentlich nicht mitreden. Während meiner gesamten Schulzeit bin ich grad einmal einer einzigen Mitschülerin mit Migrationshintergrund begegnet. Und die hat zwar ein bissl komisch gesprochen ("Hat es schon geschellt?" - Das heißt "gescholten". Oder "geschält". Je nachdem, was sie damit überhaupt ausdrücken hat wollen.), aber angeblich war das eh auch Deutsch. Halt ein anderes. Das Deutsch von denen, die zum Beispiel keine Lehrlinge mehr ausbilden, sondern lieber junge Menschen zu ägyptischen Göttern machen. Und sich dann über den Fachkräftemangel wundern. Zu ägyptischen Göttern? Na ja, zu Azubis. Tschuldigung: Anubis hat der Typ mit dem Schakalkopf geheißen. Und meine Schulkollegin aus Düsseldorf war übrigens die Dani.

Der Heinz (he, der hat denselben Vornamen wie der Bildungsminister!), der weiß dafür genau, wie sich die fühlen, die aus einer fremden Muttersprache in unser Bildungssystem einwandern. Er hat es selbst erlebt. Nur umgekehrt. 1969 hat er nämlich seine Heimat plötzlich verlassen müssen. Das Burgenland. Mitten im Schuljahr. (Vierte Klasse. Volksschule.) "Brennpunktschule" würde man wohl heute zu der Lehranstalt sagen, an die er gekommen ist. Oder "Problemschule". Locker 99 Prozent haben kein Deutsch gesprochen. Nicht einmal der Herr Lehrer. Der Heinz ("i woa a Aussätziger") war der Einzige. Und das, obwohl er ein Burgenländer war. Nein, falsch: ein im Burgenland geborener Steirer. (In Österreich gilt schließlich das Abstammungsprinzip, das Ius sanguinis, und seine Eltern waren eben Zuagraste aus der Steiermark.) Auf einmal war die Unterrichtssprache . . . Vorarlbergerisch. "Und wos host du g’sprochn? Steirisch oder Burgenländisch?" - "Hochdeutsch." - "Heat ma goa ned."


"Vuaher hob i nur Aansa ghobt und auf amoi . . ." Hat er dem Unterricht nimmer folgen können. Erst beim Bundesheer wieder. ("Habt Acht!", "Deckung!", "Bei Fuß!", Tschuldigung: "Vorwärts marsch!") Okay, vielleicht ein paar Monate früher, aber: "Lern du amoi Vorarlbergerisch mit da Naturmethode." Er hätte definitiv von einer Deutschförderklasse profitiert. (Der entwurzelte Styroburgenländer.) Also wenn alle andern eine solche besuchen hätten müssen. Samt dem Herrn Lehrer. Vor allem samt diesem. Und was hätte der kleine Heinzi derweil gemacht? Auf Turnen, Werken und Zeichnen gewartet. Weil in diesen Fächern kann man sich auch mit Händen und Füßen unterhalten und da hätten die förderungsbedürftigen Kinder (samt dem Herrn Lehrer) ja am Regelunterricht teilnehmen dürfen. Wegen dem Bonding. Dem Klassenzusammenhalt. Viel Leid und Ausgrenzung hätte ihm das erspart.

Fehlende Deutschkenntnisse dürfen jedenfalls nicht dazu führen, dass Einzelne (oder alle) die anderen (oder den einen) vom Fortschritt im Unterricht abhalten. Und was ist mit dem Heinz seinem Hochdeutsch passiert? Wien ist passiert. Dort hat es mit der Integration endlich geklappt. Und die beginnt halt mit dem Spracherwerb. "Jetz nenn i die Burgenländer, die Steirer und gonz besonders die Vorarlberger söba scho G’scherte. Und büd ma wos drauf ein, doss mei Wien glei drei Sochn auf amoi is." - "Glei drei Sochalan auf amol?" - "Jo. Stadt, Land, Fluss." - "Ach, solangst ned zu die Kärntner G’scherte sogst." - "Inzwischen wohn i sogoa an der Wien." - "In Wien." - "Jo, duat a."




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Dokument erstellt am 2018-04-19 16:45:18


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