• vom 22.04.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Zurück in den Zirkus




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    In den Zirkus zu gehen, das war für uns als Kinder ein ganz großes Ereignis. Wir freuten uns bereits tagelang darauf, mussten uns schön anziehen und saßen schon gut eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung im Chapiteau, dessen Reihen meist bis auf den letzten Platz gefüllt waren.

    Unten spielte eine Kapelle schmissige Melodien, und wenn dann das Licht ausging und der "Einzug der Gladiatoren" erklang, war es für uns vor lauter Spannung kaum auszuhalten. Wir wussten zwar von den Besuchen davor, dass nun in fast endloser Abfolge Trapezkünstler, Clowns, Jongleure, aber auch Elefanten, Pferde, Tiger und Schimpansen ihre Kunststücke zeigen würden; aber was genau diesmal passieren würde, war doch völlig ungewiss.


    Und dann flogen wieder Damen und Herren in Glitzerkostümen durch die Luft, der Zirkusdirektor trieb würdevoll die Schimmel in Kreisen und Achterbahnen durch die Manege, und Löwen sprangen durch brennende Ringe. Wenn dann die letzte Nummer vorbei war und alle Artisten samt den Tieren wieder in die Manege kamen, konnten wir kaum glauben, dass das Ereignis schon vorbei sein sollte.

    Seit meiner Kinderzeit besuchte ich nie wieder einen Zirkus dieser Art - bis ich unlängst ein Wochenende auf dem Land verbrachte und Plakate mit einem riesigen Clowngesicht sah. Es war eine kleine Truppe aus Berlin, und die Dame an der Kasse war zunächst nicht sicher, ob genügend Zuseher kommen würden, um überhaupt eine Vorstellung geben zu können. Schließlich fanden sich dann doch fast zwanzig Leute ein, wobei ich der einzige Erwachsene war, der kein Kind bei sich hatte.

    Die Darbietung war quasi eine Miniatur dessen, was ich in den 60er Jahren gesehen hatte: Da gab es zwei Clowns, die untereinander und mit dem Publikum ihre Späße trieben, ein Pony, das sich brav mit den Vorderbeinen auf ein Postament stellte oder einen Hund, der durch mehrere Reifen sprang.

    Die Hauptattraktion war die etwa zehnjährige Tochter der Zirkusbesitzer. Eine ihrer Nummern war ein Balanceakt auf dem Hochseil in Vorwärts- und Rückwärtsschritten, wobei sie am Ende in den Spagat fiel und, nur auf einem Fuß stehend, sich wieder aufrichtete.

    Es war eine ganz andere Atmosphäre, als sie während der pompösen Vorführungen in meiner Kinderzeit herrschte: Wir saßen in dem kleinen Zelt gerade einen Meter von der Manege entfernt und konnten daher jedes kleinste Detail beobachten: Den konzentrierten Ausdruck im Gesicht der jungen Artistin, wenn sie auf dem Seil die Gehrichtung änderte, oder die Leichtigkeit, mit der ihre Schwester vier weiße Tauben auf einem sich drehenden Ring platzierte.

    Ich bin mir nicht sicher, ob sich der Zauber dieser eineinhalb Stunden auch auf die anwesenden Kinder übertrug. Bei all der Konkurrenz aus Fernsehen und Internet hat so ein kleiner Zirkus gerade beim jungen Publikum einen schweren Stand. Ich jedenfalls werde wieder häufiger eine solche Vorstellung aufsuchen.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-04-19 17:33:20
    Letzte Änderung am 2018-04-19 17:53:35


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