• vom 21.04.2018, 11:00 Uhr

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Urlaub in anders




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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.

    Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur. Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der "Wiener Zeitung" und widmet sich vor allem der Popkultur.

    Auf Hawaii am Sandstrand unter der Sonne zu liegen und zwischen einem in der Kokosnuss servierten kühlen Drink und einer Lomi-Lomi-Massage mit Blumen im Haar zu bemerken, dass es einem aktuell an exakt gar nichts fehlt, sollte eine einfache Übung sein. Beim Spazieren durch Manhattan in Anbetracht von Architektur zu erstaunen, die - zusätzlich zum Einsatz von erheblich mehr Glas - im Wesentlichen darauf beruht, dass ungefähr jedes zweite Eckhaus fünfmal so hoch ist wie das Wiener Rathaus? It’s easy.

    Am Golf von Neapel bei einem Espresso und frischen Cannoli mit der Sonne um die Wette strahlen, während der Blick auf Ischia im Abendrot fällt? Ins Land einischauen nach einer Bergtour am Gipfel und aus der Vogelperspektive malerische Landschaftszüge bewundern, wie sie von Claude Monet höchstpersönlich stammen dürften? Zeugs für Anfänger. Jeder kann das. Wem da nicht das Herz aufgeht, Herrgott, der ist tot!

    Über andere Urlaubsgenüsse wiederum lässt sich trefflich streiten. Ein Messerduell ums Gabelfrühstück mit Detlef aus Duisburg am Buffet, damit sich im All-Inclusive-Club in Antalya auch noch die Wasserakrobatik um halb elf ausgeht, gehört beispielsweise zu den Dingen, die der eine in Kauf nimmt, während dem anderen schon beim Drandenken das Geimpfte aufgeht. Noch schwieriger wird es, was beispielsweise Spaziergänge durch aufgelassene Kohlekraftwerke in der Nähe von Katowice, vorbei an Ölraffinerien in der Region um Murmansk oder gerne auch durchschnittliche Sonntagsausflüge nach St. Pölten betrifft - oder überhaupt Orte, die man aus der Vergangenheit und auch da nur durch Fernsehbeiträge von Friedrich Orter kennt.

    Mit dem Begriff des Ruin Porn eng verbundene Abstecher in gottverlassene Gegenden, in die sich höchstens noch streunende Hunde oder Wolfsrudel verirren, weil es dort aussieht wie in einer Netflix-Produktion über die Endzeit nach der Zombieapokalypse, entblößen allerdings eines: sie entblößen so etwas wie die Schönheit des Zerfalls. Und sie ermöglichen einen (sozial-)realistischen Blick auf die Welt, wie sie wirklich ist - abseits der gewohnten Tourismus-Propaganda mit Photoshop-Retusche auf Hochglanzpapier.

    Freunde des Dark Tourism gehen hier noch einen großen Schritt weiter. Sie wandeln konsequent auf den Spuren historisch vorbelasteter Orte entlang der Wegsteine Tod, (Massen-)Mord, Unglück und Verzweiflung. Intendiertermaßen übrigens ohne Voyeurismus, sondern aus ehrlichem Interesse an der Geschichte und den Abgründen der Spezies Mensch.

    Auch Österreich ist in Sachen Dark Tourism übrigens sehr beliebt. Und obwohl es sich anbieten würde, hat das mit der Trapp-Familie ausnahmsweise gar nichts zu tun.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-04-19 17:36:28
    Letzte Änderung am 2018-04-19 17:55:45



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