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Update: 25.04.2018, 17:21 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

"Wo man mit Blut die Grenze schrieb . . ."




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Jetzt debattiert auch das Bundesland Kärnten über seine Hymne. Soll die vierte Strophe geändert werden?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Der Rektor der Klagenfurter Universität, Oliver Vitouch, tritt dafür ein, die vierte Strophe der Kärntner Landeshymne - mit der Zeile "...wo man mit Blut die Grenze schrieb / und frei in Not und Tod verblieb" - zu ändern. In einer Neufassung solle Kärnten als Teil eines vereinten, friedlichen Europas besungen werden. Die ersten drei Strophen der Hymne beschreiben die landschaftlichen Schönheiten Kärntens.

Basis ist ein Gedicht aus dem Jahr 1822. Im Jahr 1930 schrieb die Kärntner Landsmannschaft einen Wettbewerb für eine vierte Strophe mit Geschichtsbezug aus. Siegerin war eine Lehrerin und Heimatdichterin, die drei Jahre später der NS-Frauenschaft und damit der damals illegalen NSDAP beitrat. Den Text durchweht die Stimmung dieser Zeit. Allerdings ist der Kärntner Abwehrkampf des Jahres 1919 ein historisches Faktum und keine Geschichtsklitterung. Ihn zu erwähnen, sollte keine Schande sein. Jedenfalls hat der Rektor mit seinem Vorschlag zur Unzeit eine brisante Diskussion losgetreten: Denn die Vorbereitungen für die heiklen Feiern "100 Jahre Volksabstimmung" sollen bald beginnen.


Zur Erinnerung: Am 10. Oktober 1920 fand eine Volksabstimmung im Grenzgebiet Südkärntens statt, in dem die slowenisch-sprachige Volksgruppe etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Knapp 60 Prozent aller Stimmen gingen dabei an Österreich. Somit hat ein erheblicher Teil der Kärntner Slowenen für Österreich gestimmt. Über die politische Bewertung des Abwehrkampfes und der Volksabstimmung wird seit Jahren heftig gestritten. Auch der Vorschlag, die vierte Strophe neu zu formulieren, wurde erwartungsgemäß kontrovers diskutiert. Die FPÖ und das Team Kärnten, früher Team Stronach, lehnten eine Änderung als eine "politisch motivierte Verstümmelung" ab. Der Kärntner FPÖ-Chef reagierte besonders heftig: "Wenn selbsternannte linke Vordenker wichtige Dinge überhaupt aus dem Landesgedächtnis streichen wollen, bekommt diese Ignoranz gegenüber der eigenen Geschichte eine neue bedenkliche Dimension." Es ist eine Debatte nach bekanntem Muster. Die einen glauben, man könne mit abgehobenen moralisierenden Argumenten punkten, die anderen widersprechen heftig und geben sich volkstümlich - eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wissend.

Der Philosoph Robert Pfaller hat es unlängst so formuliert: An die Stelle einer Politik für die sozial Schwachen und für die ökonomisch Benachteiligten sei eine "sprachliche Sozialpolitik" getreten. Pfaller: "Man hat Probleme, die in der Ökonomie zu erledigen gewesen wären, in die Kultur verlagert und dort zu behandeln versucht." Statt Kindergärten und Gleichberechtigung gibt es Political Correctness und das Binnen-I - und vielleicht bald eine neue vierte Strophe.

Landeshauptmann Peter Kaiser steht einer Änderung allerdings skeptisch gegenüber. Man könne allenfalls darüber reden, die Hymne um eine fünfte Strophe zu erweitern. Kärnten habe sich in den letzten hundert Jahren von einem Kriegsgebiet zu einer Friedensregion in einem Dreiländer-Dreieck im Herzen Europas entwickelt. Dieser Gedanke könne eine Überlegung für eine fünfte Strophe sein. Man wird sehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-24 16:45:30
Letzte Änderung am 2018-04-25 17:21:24


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