• vom 28.04.2018, 11:00 Uhr

Glossen


Glosse

Parmesan oder Pecorino?




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als freie Schriftstellerin und Journalistin in Stams in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als freie Schriftstellerin und Journalistin in Stams in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als freie Schriftstellerin und Journalistin in Stams in Tirol.

    Mittagspause. Wohin gehen wir heute essen?
    - In eines dieser schicken gehobenen Restaurants, wo man sich alles detailliert selber aussuchen kann!
    - Tatsächlich? Da stellt der Kellner keinen Teller vor dir ab und sagt: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen? Das scheint wirklich etwas Besonderes zu sein, dort gehen wir hin!

    Der Laden ist knallvoll, nirgends ein Sitzplatz. Also am besten gleich in einer der fünf Reihen vor der Ausgabetheke anstellen, denn wie bei vielen angesagten Restaurants herrscht hier Selbstbedienung. Das Wort transportiert den missverständlichen Beiklang von Selbstbestimmung und Autonomie, deshalb fahren alle so darauf ab, anders kann ich mir den enormen Zustrom kaum erklären. An den Preisen, die nicht besonders günstig sind, kann es nicht liegen. Aber zumindest soll die Qualität der Speisen sehr gut sein.

    Ringsum haben alle einen Zettel in der Hand, bloß wir haben keinen. Jesses, wir stehen in der falschen Reihe, also zuerst den Bon besorgen und zu diesem Zweck bei der Bon-Ausgabe anstellen. Nun wieder zuhinterst in eine der Reihen vor der Ausgabetheke, nach dem Mittagspausen-Gesetz ist es nie die schnellste.

    Der vergessene Bon war ein Anfängerfehler, der den Ablauf verzögert hat, aber die Routiniers ringsum schauen ebenfalls gestresst aus. Mittlerweile wäre ein Sitzplatz frei, aber jetzt aus der Reihe zu treten, um die Jacke dort abzulegen, wäre fatal, schließlich hat man sich schon aussichtsreich vorgearbeitet. Dass es ein Vergnügen sein soll, hektischen Köchen bei der Arbeit zuzuschauen, ist nicht ganz nachvollziehbar, aber zumindest ist hier alles fein sortiert - in unzähligen Schüsselchen jeweils eine Zutat.

    Leider ist der Lärmpegel extrem hoch. In jeder Reihe brüllt ein Gast dem Koch entgegen, was er gerne auf dem Teller hätte, und die Köche brüllen zurück, wenn sie neben dem brutzelnden Fett und mit der Haube über den Ohren etwas nicht verstanden haben.

    Endlich an der Reihe, jetzt geht es los: Spaghetti oder Linguine?
    Tomaten oder Paprika oder beides? Knoblauch ja oder nein? Oliven- oder Kürbiskernöl? Grüner oder schwarzer Pfeffer? Ruccola ja oder nein? Parmesan oder Pecorino? Noch ein paar Pignoli darüber? Da könnte ich ja gleich selber kochen, denke ich mir.

    Aber zum Denken bleibt nicht viel Zeit, die Reihe drängt nach und der Koch blickt ungeduldig, also wähle ich hektisch irgendwas. Danach ist noch immer kein Platz frei. Schließlich finden sich ein paar Quadratdezimeter an einem Stehtisch, wo man zumindest den Teller abstellen kann. Das Essen ist inzwischen ausgekühlt, aber man freut sich auf die individuell gestaltete Köstlichkeit. Ein Getränk wäre noch gut. Wieder anstellen? Vergiss es!

    Nach so einem Mittagspausen-Rummel ist der Büroalltag ein stilles Vergnügen. Aber zuerst noch ins gute alte Kaffeehaus, wo der Kellner in gelassener Eleganz alles zum Tisch bringt, was man möchte, und bei der Kuchenbestellung bloß einmal nachfragt: Mit oder ohne Schlagobers?





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-04-26 16:36:28
    Letzte Änderung am 2018-04-26 16:39:15


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