• vom 29.04.2018, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

Lyrik statt Frühling




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker, lebt in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker, lebt in München. Andreas Wirthensohn, geboren 1967, freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker, lebt in München.

    Ja, ich gebe es zu: Ich liebe Lyrik. In manchen Ohren mag das natürlich ein wenig exaltiert und elitär klingen. Dabei stimmen die meisten Vorurteile gegenüber dieser Literatur-Gattung keineswegs. Schwer zu lesen, schwer verständlich, nur etwas für ganz Schlaue - alles falsch. In Wirklichkeit eignet sich nichts besser als ein schöner Vers, um die Mühen des Alltags zu bewältigen.

    Erste Zipperlein des fortgeschrittenen Alters? Ein paar Poem-Pillen von Dr. Robert Gernhardt, und man nimmt das Ganze mit Galgenhumor. Wieder einmal von Weltschmerz und Melancholie geplagt? Niemand hat diesen Zustand schöner formuliert als Dr. Rilke oder Dr. Benn. Und Liebeskummer bekämpft man am besten mit süßer Verssalbe von Frau Dr. Lasker-Schüler. Für nahezu jede Gelegenheit findet sich ein Gedicht.

    Wie hilfreich Poesie ist, wird mir nie deutlicher als im April. Ja, ich gebe es zu: Ich hasse den Frühling. Und noch mehr hasse ich ihn, seit er eigentlich gar kein Frühling mehr ist, sondern sofort einen auf Früh- bzw. Hochsommer macht.

    Die Sonne ist mir viel zu grell und beflügelt Verbrennungs- respektive Erblindungsfantasien; die Luft ist kein laues Lüftchen mehr, sondern schon mit der bleiernen Stickigkeit des Sommers aufgeladen; der Wind treibt kein blaues Band vor sich her, sondern Saharastaub und Pollen durch die Stadt. Alles bricht in einem irrsinnig-idiotischen Tempo auf und aus, Pflanzen explodieren förmlich, die Menschen drängen sich sonnen- selig überall, nicht nur vor den Geschäften, und wirken wie auf Drogen. Nein, meine Zeit ist das nicht, und je weniger sie es ist, desto fremder fühle ich mich unter all der lärmenden Fröhlichkeit.

    "Einsamer nie als im August" - bei mir gilt das eher für den April. Und so stehe ich vor meiner Trostbibliothek und greife mal wieder zu Dr. T.S. Eliots wunderbarem Poem "Das wüste Land", und schon die ersten Verse verleihen mir ein wenig Kraft und Zuversicht: "April is the cruellest month", heißt es dort, "April ist der grausamste Monat, er treibt / Flieder aus toter Erde, er mischt / Erinnern und Begehren, er weckt / Dumpfe Wurzeln mit Lenzregen".

    Zum Glück ist er bald schon vorbei, dieser üble Geselle unter den Monaten. Ob der Mai allerdings so viel besser wird? Der "Wonnemonat", in dem alle heiraten oder zur heiligen Jungfrau Maria beten. . . Zum Glück gibt’s Dr. Max Herrmann-Neiße, der schon 1927 die richtigen Worte fand:

    "Der Mai ist zum Kotzen", so beginnt sein "Neues Mailied". Und weiter: "Der Mai ist zum Speien, / die Bowlen schlagen aus / Du latschest im Freien / und kehrst kaputt nach Haus". Im Juni ist dann zum Glück endlich Sommer - und zwar mit Fug und Vers.





    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-04-26 16:36:34
    Letzte Änderung am 2018-04-26 16:42:10


    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Essverbote in der U-Bahn führen zu Kannibalismus
    2. Toleranz im Bad
    3. Zwickt’s mi
    4. Antreten gegen die Lähmung
    5. Austrialeaks
    Meistkommentiert
    1. Es ginge sogar mit 149,66 Euro
    2. Essverbote in der U-Bahn führen zu Kannibalismus
    3. Toleranz im Bad
    4. Blechdose an Steckdose
    5. Austrialeaks

    Werbung




    Werbung