• vom 02.05.2018, 17:18 Uhr

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Update: 02.05.2018, 17:37 Uhr

Maschinenraum

Gesichtslos




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Eine Zwangspause lässt spüren, wie weit wir uns Facebook & Co. ausgeliefert haben. Warum eigentlich?



"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Dieser berühmte Satz aus Franz Kafkas "Der Prozess" ging mir durch den Sinn, als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und mich in einen ungeheuren Social-Media-Schädling verwandelt fühlte. Denn in meinem Facebook-Account fand ich überraschend die Mitteilung vor, ich wäre eine Woche lang gesperrt. Weil ich gegen die Regeln des Services verstoßen hätte.

"You may have used Facebook in a way that our systems consider unusual, even if you didn’t mean to. You can post again in 7 days." Aha. Kurz, knackig, kafkaesk. Was hatte ich bloß getan? Jemanden beschimpft? Zu oft den Einladungsknopf gedrückt? (Apropos: Sie sollten keinesfalls das Konzert der höchst innovativen Elektronik-Gruppe Drahthaus verpassen! 18. Mai, Rote Bar, Volkstheater Wien.) Ein obszönes Bild gezeigt? Oder gar öffentlich den Papst, Recep Tayyip Erdogan oder Donald Trump kritisiert? Das tun täglich Millionen Menschen, es ist ihr gutes Recht. Ich vermochte beim besten Willen nicht, mir einen Reim auf die Situation zu machen.

Bis ich begriff: Eigentlich konnte jeder Narr, dem irgendein Halbsatz in irgendeinem Posting sauer aufgestoßen war, diese Sperre ausgelöst haben. Mit einer schlichten, eventuell anonymen Meldung bei der Gesichtsbuch-Aufpassertruppe. Vielleicht war es auch einfach meine Freundin, die mir - wohlmeinend - auf diesem Weg eine heilsame Computer-Abstinenz verordnet hatte. Freilich werde ich sie nie erfahren, die Wahrheit, die ganze Wahrheit. Denn wie bei Kafka ist und bleibt man gefangen in einem System, das allerlei Andeutungen parat hält, nie aber konkrete Aussagen. Und nachvollziehbare Gründe für das Systemverhalten.

Nun kann man eine Woche, die einen die Facebook-Polizei ins Winkerl stellt und zum Schweigen verdammt, durchaus kommod verbringen. Und absolut produktiv. Man wundert sich über die viele Zeit, die man plötzlich hat (und noch mehr darüber, dass man die sonst immer taxfrei in den Aktienkurs der Kommunikations-Plattform investiert), greift wieder mal zum Telefon oder sucht mit seinem Gehwerkzeug den Eissalon auf, um Menschen ohne elektronisches Interface (sic!) zuzulächeln.

Andererseits merkt man rasch, wie sehr man abhängig geworden ist von diesem ganzen Social-Media-Gedöns: Man wird in Postings erwähnt oder gar direkt angesprochen, ohne antworten zu können, man erhält Elektropost ohne Retourschein, Leute beginnen sich in dieser Agora der Neuzeit zu wundern, ob man plötzlich maulfaul, überraschend ausgewandert oder gar verstorben sei. Ein bisschen fühlt es sich so an. Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich längst wieder zurück auf Facebook. Warum eigentlich? Berechtigte Frage. Ich sage es Ihnen offen: Weil man im Entertainment-Business - und im weitesten Sinn rechne ich da auch das Journalisten-Gewerbe dazu - nicht ohne Trommelei auskommt. Und die Social-Media-Kanäle sind, zumal sich hier auch alle professionellen Durchlauferhitzer tummeln, die größten verfügbaren und kostengünstigsten Trommeln. Wenn man nicht gerade ein eigenes Medienhaus betreibt. Leider. Habe ich schon erwähnt, dass Sie das Drahthaus-Konzert am 18. Mai im Volkstheater keinesfalls verpassen sollten?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-02 17:24:34
Letzte Änderung am 2018-05-02 17:37:59


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