• vom 06.05.2018, 11:00 Uhr

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Verdoppeltes Angebot




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Von Gerald Schmickl


    "extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl über Sortimentserweiterung im Handel - und die Diversifizierung von Talenten.

    "extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl über Sortimentserweiterung im Handel - und die Diversifizierung von Talenten. "extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl über Sortimentserweiterung im Handel - und die Diversifizierung von Talenten.

    Kopieren die Schokolade? Ich war verwirrt, als ich vor dem Geschäft stand. Links vom Eingang wurden in der Auslage feine Chocolatier-Waren angeboten, rechts davon war der Laden als Copyshop ausgewiesen. Also was jetzt? - Ein Blick ins Innere brachte rasch Aufklärung: beides. Der Copyshop bietet auch Schokolade an. Ein Kopierladen bei mir um die Ecke hat dasselbe Geschäftsprinzip: er verkauft Biolebensmittel. Man geht an Fruchtaufstrichen, Meersalzen und Bioweinen vorbei, wenn man zu den Kopiergeräten will. Spätestens am Rückweg bleibt meistens etwas hängen (nachdem man das Angebot zwischen einigen Kopiervorgängen inspiziert hat). Auf diese Weise verdoppeln diese Läden buchstäblich ihr Angebot - und Geschäft. Recht haben sie, denn mit Kopien alleine werden sie heutzutage wohl kaum mehr das Auslangen finden.

    Neben Tankstellen, die über Jahre hinweg zu kleinen Supermärkten mutierten, war es die Kaffeekette Eduscho, die als eine der ersten die Erweiterung ihres Sortiments konsequent vorantrieb. Dort konnte man auf einmal auch Unterwäsche, Sitzpölster oder Campingliegen zu günstigen Preisen erstehen. Schließlich ging man hauptsächlich nur noch deswegen hin - Kaffeebohnen waren, wenn überhaupt, Nebenerwerb. Das Warenangebot in den Filialen wurde immer breiter und vielfältiger - es etablierte sich eine Art "Manufactum" für kleine Börsen.


    Mittlerweile hat das Prinzip auf viele (Geschäfts-)Bereiche übergegriffen: Privatwohnungen werden zu Hotels, Privatautos zu Taxis - mit allen Vorzügen (vor allem für Konsumenten) und Nachteilen (hauptsächlich für Konkurrenten). Wir alle kennen die Debatten der letzten Wochen (etwa rund um den Fahrtendienst Uber oder Air-BnB-Angebote).

    Auch Künstler haben die Diversifizierung ihres Angebots - und ihrer Talente - längst für sich entdeckt. So treten etwa die österreichischen Schriftsteller Anselm Glück oder Walter Klier fast nur noch als Maler in Erscheinung - und können ihren Unterhalt damit vermutlich besser bestreiten als mit ihren literarischen Erzeugnissen. Was nicht an deren Qualität liegt, sondern an der generell schwachen pekuniären Verwertbarkeit künstlerischen Schreibens.

    Ernst Molden kennt man kaum noch als (exzellenten) Autor, sondern hauptsächlich als Musiker (und da ist er Geschmacksache). Auch der Wiener Schriftsteller Peter Henisch hat nunmehr (43 Jahre nach seiner ersten Platte!) wieder ein Album als Sänger aufgenommen ("Blues plus"). Vermutlich erfolgte das weniger aus finanziellen Gründen denn mehr aus (hörbarer) Lust an der Sache. Trotzdem ist auffällig, dass die Aufmerksamkeit dafür - wie etwa zuletzt bei einem Live-Auftritt im Haus der Musik - größer ist als für sein jüngeres literarisches Werk oder Lesungen.

    Ansonsten fallen Dichter nur noch mit markigen Sprüchen auf, wie ebenfalls Henisch (mit deftigen Angriffen auf den Kanzler in einem "Falter"-Interview) oder Josef Winkler (bei seiner Klagenfurt-Rede). Immerhin müssen sie keine Schokolade verkaufen.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-03 16:21:33
    Letzte Änderung am 2018-05-03 16:26:20


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