• vom 05.05.2018, 11:00 Uhr

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Ruf der Wildnis




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Vor mir liegt ein fasriger Ball aus trockenem Gras, Spänen und dünnen Zweigen. Mit einem Eisenstück schlage ich kleine Funken vom Feuerstahl auf ein Stück Birkenrinde. Es braucht ein paar Versuche, doch irgendwann beginnt die Rinde zu glosen. Schnell geschnappt und hinein ins Feuernest. Mit einem Zischer schlägt das handballgroße Gebinde Flammen. Hurtig schiebe ich es unten ins Feuerholz, das ich zuvor in Form eines Tipis aufgeschichtet hatte. Auf einer großen Gusseisenpfanne werden wir hier Kaiserschmarrn für die ganze Gruppe zubereiten. Mein erstes Lagerfeuer ohne Zündholz und Zippo ist einer der Höhepunkte eines Natur- und Wildnis-Wochenendes, an dem wir als ganze Familie teilnahmen.

    Schon in den Monaten davor hatte sich bei mir eine große Sehnsucht nach Wildnis, Wald und Natur eingestellt, die sich über die Wintermonate in exzessivem Bushcraft-Videokonsum auf YouTube und in Spontankäufen von Camping-Ausrüstung manifestierte. Vermutlich eine Reaktion auf ein - wenn man so will - Pfadfinder-Defizit in meiner Kindheit, in der ich nie zelten war. Meine Eltern lebten ihr Bedürfnis nach Natur lieber im Garten oder beim Wandern aus.


    Ich selbst war nicht gerade ein Waldkind, das im Erdreich wühlte und mit den Asseln tollte. Lieber blieb ich drinnen und las ein Buch. Der Natur fühlte ich mich nahe genug, wenn der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte und ich mich in die Bettdecke kuschelte.

    Am vergangenen Wochenende dann: Wildniswochenende in der Buckligen Welt. Tage, an denen Triumph und Niederlage auf sehr körperliche Weise spürbar wurden. Bevor mir am dritten Tag das Feuermachen mit Stahl gelang, war ich beim Feuerbohren gescheitert. Beim Holzhacken sprang mir ein Ast ins Gesicht. Dafür war ich beim Waschen erfolgreich: Pudelnackt planschte ich im eisigen Wasser des Wildbaches. Wer wollte, konnte die Nacht in einer selbstgemachten Schutzbehausung unter der Erde verbringen. Wir flochten Körbe und brauten Wundcremen aus Harz. Ansonsten: Muskelkater, Dreck unter den Fingernägeln, eine Zecke in der Unterhose. Am Abend legten wir Glutstücke auf Holzscheite, um daraus Becher, Schüsseln und Teller zu zaubern.

    Bei alledem war unser kleiner Sohn dabei, der uns mit größter Neugier beim Üben der alten Techniken beobachtete. Wie hypnotisiert blickte er mit uns ins Feuer und auf den Vollmond, hörte in den Wald hinein und lief den Katzen hinterher.

    Wieder daheim im warmen Bett, als es ans Einschlafen geht und wir nochmals über den Tag sprechen, frage ich ihn: "Magst du Zelten? Sollen wir das bald wieder machen?" Der Eineinhalbjährige denkt kurz nach und sagt: "Nein. Nass."




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-03 16:21:41
    Letzte Änderung am 2018-05-03 16:29:51


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