• vom 04.05.2018, 18:08 Uhr

Glossen

Update: 04.05.2018, 18:15 Uhr

Glossenhauer

Schlimmer als die Bilderberger




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Von Severin Groebner

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  • Verschwörungstheorien feiern allerorts fröhliche Urständ’. Dabei bleibt die ganz wirkliche, echte Wahrheit völlig unentdeckt.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weiter Informationen unter www.severin-groebner.de

Johann Gudenus hat der Republik dankenswerterweise die Gelegenheit gewährt, an seinem Denken und Fühlen teilzuhaben. Und was sich in Gudenus’ Kopf abspielt, ist erstaunlich: "Stichhaltige Gerüchte" sind dort zuhause. Vielleicht könnte man dort auch noch auf "gefühlte Beweise", "tragfähige Luftschlösser" oder "hochanständige Steuerhinterzieher" treffen, bliebe man länger dort. Johann "Johnny Good Nut" Gudenus kann sehr wissenschaftlich spüren.

Und damit ist er nicht allein. Die Verschwörung als solche ist en vogue. Total hip. Extreme fresh. Sie ist so in aller Munde und Hirne, dass man sich langsam fragen muss, wer da eigentlich dahintersteckt.


Denn abgesehen davon, dass Viktor Orbán und so mancher in der FPÖ glaubt, George Soros habe im Alleingang den syrischen Bürgerkrieg losgetreten (und vorher wahrscheinlich auch noch das Stauffenberg-Attentat, den Prager Fenstersturz und die Ermordung Julius Caesars in die Wege geleitet), sind andere bestens desinformierte Bürger der Ansicht, noch sinisterere Mächte wären am Werk. Und wie in jeder erfolgreichen Produktpalette gibt es für jede Zielgruppe ein eigenes Schnäppchen. So perfekt zugeschneidert, dass der Einzelne gar nicht mehr anders kann, als die erfolgreiche Manipulation seines Rechenzentrums als Entscheidungen aus freien Stücken zu missinterpretieren.

Wer Genaueres wissen will, frage nach bei Cambridge Analytics. Die geben sehr ungern Auskunft. Ob Freimaurer, Jüdischer Weltkongress, das kulturbolschewistische Hollywood, der ORF-Wetterkanal, Chemtrails, Außerirdische, Jedi-Ritter, Illuminaten, Illuminierte oder die übermächtige Lobby der Biogemüse-Läden: Nichts ist zu unwahrscheinlich, um nicht doch ein paar Leute zu überzeugen. "Weil damit rechnet ja keiner, dass das so ist!" Aha. Die Weltverschwörung ist deshalb so hintertrieben, damit nur die Allernaivsten sie kapieren.

Und Logik ist nur was für Logopäden. Der aktuelle Klassiker (knapp auf Platz zwei hinter der alkoholisierten, spätnächtlichen Nummer eins: "An allem sind die Weiber schuld!") sind zweifelsfrei die Bilderberger. Wer es in den deutschen Hiphop geschafft hat, ist sowohl der Poesie als auch der Grammatik eine Penislänge voraus.

Nur leider bleibt bei all diesen Theorien das wahre globale Beherrschungsungetüm, das uns schon von frühester Kindheit an in seinen Bann schlägt und die Hirnwindungen verwirrt, ungenannt: die Bilderbücher. Schon den Kleinsten wird hier eine Welt vorgegaukelt, in der stets die Sonne scheint, die Meere blau und unvermüllt sind und das Gute gewinnt. Dabei werden alle Seiten des politischen Spektrums gleichermaßen durch Heilsversprechen an der Nase herumgeführt. Ob ein Werktätiger mit Superkräften (Lukas der Lokomotivführer) oder ein blaufelliger Naturbursch (Balu der Bär) in letzter Sekunde rettend erscheint, ist letztlich egal. Geschichten fern der Realität (Lobbyismus, globales Kapital, Fifa, Klimawandel) vernebeln das kindliche Bewusstsein und lassen später Erwachsene an ein monokausales Weltbild glauben. Zum Beispiel an: Verschwörungstheorien.

Deshalb sollten Kinder viel mehr Ego-Shooter am Computer spielen. Da ist es fast so schön wie in Syrien.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-04 18:12:34
Letzte Änderung am 2018-05-04 18:15:34


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