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Sedlaczek am Mittwoch

Wie Karl Marx das Deutsche beeinflusst hat




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wörter wie Entfremdung, Fachidiot, Überbau und Warencharakter gehen auf Karl Marx zurück oder wurden von ihm popularisiert.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


"Kein Autor hat nach Luther unsere Sprache so geprägt wie Marx." Das schrieb unlängst der hochgeschätzte Feuilletonredakteur Matthias Heine von der Tageszeitung "Die Welt". Er zählte eine Reihe von Begriffen auf, die Karl Marx entweder geprägt oder deren Bedeutung er beeinflusst hat. Dazu gehören: Basis und Überbau, Entfremdung, Fachidiot, Feudalismus, Gesellschaftsordnung, Ideologie, Kapital, Klassenbewusstsein, Klassenfeind, Klassenkampf, Mehrwert, Produktion, Warenfetisch - und natürlich Proletarier, ein Wort für Lohnarbeiter, das Marx von den französischen Saint-Simonisten übernahm.

Sätze wie "Proletarier aller Welt vereinigt euch" und "Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten" gingen um die ganze Welt und wurden in viele Sprachen übersetzt. Einige marxistische Ausdrücke haben sogar anderswo als deutsche Lehnwörter Fuß gefasst. Sicherlich hat "Das Kommunistische Manifest" eine viel größere Verbreitung erzielt als Luthers Bibelübersetzung. Auch "Das Kapital" wurde in viele Sprachen übersetzt, wenngleich das zentrale Werk des Marxismus alles andere als einfach zu lesen ist. Ich behaupte: Luther hat dem Volk besser aufs Maul geschaut als Marx.


Dabei unterliegen auch marxistische Ausdrücke einem Wandel. So lebt das Wort Proletarier zwar abgekürzt weiter, aber es hat eine miese Bedeutung: Prolet, Prolo und Proll sind Ausdrücke für einen ungebildeten, ordinären Menschen. Auch die dazugehörenden Adjektive haben diesen negativen Klang: proletenhaft, prolo sowie neuerdings prollig. Marx hat viele Ausdrücke, die ihm heute zugeschrieben werden, nicht erfunden, er hat sie nur weiterentwickelt und popularisiert. Der Begriff Mehrwert stammt von William Thompson, dem irischen Philosophen und Sozialreformer. Feudalismus wurde durch Montesquieu bekannt gemacht. In der marxistischen Theorie ist Feudalismus eine Vorstufe des Kapitalismus. Karl Marx war nicht nur Sprachschöpfer, sondern auch Philosoph. Nach seiner Theorie vom Mehrwert stellt der Kapitalist Produktionsmittel und Rohmaterialien zur Verfügung. Der Proletarier, dessen Arbeitskraft laut Marx einer Ware gleichzusetzen ist, schafft einen Mehrwert, den der Kapitalist beim Verkauf der Waren realisiert. Den Wert der Ware Arbeitskraft sowie den Mehrwert zu errechnen, stößt auf zahlreiche Probleme. Das Konzept ist nicht praxistauglich, aber es dient dazu, das Selbstbewusstsein der Proletarier zu stärken. Obwohl es in Österreich keine marxistischen Parteien mehr gibt, kämpfen die Unternehmerverbände nach wie vor gegen diese Sichtweise an.

Beliebtester Gegenslogan: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut. Was genauso wenig zu beweisen ist wie die Mehrwert-Theorie. Es soll schon vorgekommen sein, dass in Zeiten sinkender Reallöhne die Aktienkurse stiegen. Und am 1. Mai schaltete die Wirtschaftskammer in der "Krone" ein Inserat mit dem Text "Was wäre der Tag der Arbeit ohne die Arbeitgeber?" In einem zentralen Punkt hat sich Marx übrigens fundamental geirrt: Die hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften werden nicht kommunistisch - das kommunistische China hingegen wird immer kapitalistischer.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-08 16:00:42
Letzte Änderung am 2018-05-17 16:36:54


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