• vom 12.05.2018, 11:00 Uhr

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Alte Freunde




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Meine Freundin E. erzählte, sie höre nicht mehr hin, wenn die Freunde erklärten, wie kompliziert die innenpolitische Lage sich in ihren Augen darstelle. Früher habe sie öfter etwas eingebracht, nachgefragt oder zumindest versucht zu verstehen, aus welcher Warte argumentiert werde.

    Nun sagt sie nichts mehr. Seit drei Jahrzehnten trifft man sich und stets verlaufen die Abende ähnlich. Nur die Menge an konsumiertem Wein und Bier ist deutlich weniger geworden. Das heißt aber keineswegs, dass Einzelne nicht gelegentlich immer noch zu viel erwischen. Positiv ist, dass die Betrunkenen seltener als früher einen sogenannten "Moralischen" haben bzw. ihn lustvoll erleben, während die Zuhörer und -schauer ihn durchleiden.


    Und ein Verdacht von Freundin E. hat sich erhärtet: Die Freunde reden oft gar nicht miteinander, sondern jeder formuliert für sich seinen Standpunkt, als ob ein unsichtbares Publikum überzeugt werden solle. Die Anwesenden fühlen sich offenbar auch nicht als Adressaten der Reden. Sie warten vielmehr zunehmend ungeduldig auf den Moment, an dem sie endlich selber ihren Standpunkt darstellen können, der vom vorigen kurioserweise oft gar nicht weit entfernt ist. Bekanntlich ist niemand fremder und feindseliger als der Nachbar. Mit einem geistig und politisch Verwandten lässt es sich nun einmal besser streiten als mit einem, der von einem ganz anderen Stern kommt.

    Es liegt nicht nur an den Freunden, dass E. diese als Gespräch getarnten Selbstdarstellungen zunehmend ermüden. Sie hat viel zu tun: Beruf, Haushalt, Garten, Enkel, Eltern, Schwiegereltern . . . Der Spruch ihrer alten Nachbarin kommt ihr öfter in den Sinn: "So guat, wenn a Ruh is!" Sie interessiert sich nicht mehr für Politik. Mit jedem Jahr, das sie älter wird, hat sie weniger den Eindruck, dass ihr Leben davon sehr berührt wird. Aus dem Büro muss sie nach Hause sausen, kochen, waschen, schlafen und dann aufstehen und gleich wieder ins Büro.

    Als die Freunde unlängst erneut politisierten, fiel ihr auf: Sie wusste nicht, wer der neue Verteidigungsminister war. Vor Kurzem noch hätte sie sich geschämt. Nun ist ihr das egal. Ist sie biedermeierlich geworden, oder hat sie einen späten Schub der Erwachsenwerdung erlitten? Sie kümmert sich um ihr eigenes Leben. Sie hat aufgehört, "Skandale" genau nachzulesen. Ständig ein neuer Skandal! Und danach ist alles wie vorher.

    Es ist, als ob es ein vorgegebenes Maß an Erregung gäbe, dem man gerecht werden muss. E. erinnert sich an so viele Erregungen, dass sie nun lieber Zeit für sich und ihre Enkel haben will. Und sie hofft, dass die Freunde auch bald Enkel bekommen. Vielleicht werden sie dann wieder miteinander und weniger voreinander reden.




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    Dokument erstellt am 2018-05-11 11:33:44



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