• vom 15.05.2018, 17:09 Uhr

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Update: 22.05.2018, 16:57 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Schreiben unter Strom




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Der Duden-Verlag hat einen kleinen und durchaus vergnüglichen Ratgeber für die Kommunikation auf Facebook und Co. herausgebracht.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Früher gab es Briefsteller, das waren Bücher mit Tipps, wie man stilvoll korrespondiert. Es begann mit der Wahl der passenden Anrede, setzte sich fort mit einem Inhalt, der auf den Empfänger zugeschnitten sein sollte, und endete mit einer wohlgesetzten Schlussformel.

Anleitungen zum Briefeschreiben als eigene Textgattung gab es im 17. und 18. Jahrhundert zuhauf. Dann verebbte das Interesse. Aber Briefe wurden weiterhin geschrieben. Erst Ende des 20. Jahrhunderts ging das Briefzeitalter zu Ende. Seither wird per Mail korrespondiert - und außerdem wird gepostet, gebloggt, getwittert und gefacebookt, von frühmorgens bis spät in die Nacht hinein - das für mich ungewohnte Verb facebooken ist übrigens bereits auf duden.de zu finden.


Apropos Duden. In einer Buchreihe dieses Verlags ist ein Ratgeber zu den vier anscheinend unentbehrlichen Freizeitbeschäftigungen erschienen. Es heißt "Schreiben unter Strom" und will zeigen, wie man in den Neuen Medien effektvoll kommuniziert.

Für Facebook sind in dem Buch zwei Dutzend Seiten reserviert. Zu Recht. Denn bei Facebook ist man verleitet, sein uninteressantes Inneres nach außen zu kehren. Jedes Mal beim Öffnen der Seite wird man mit einer barschen Frage begrüßt: "Was machst du gerade?"

Ehrlich zu antworten wäre verfehlt. Wenn einer schriebe "Das Essen war üppig, habe Blähungen", würden ihn die anderen, "die Freunde", sofort wegklicken. Wäre sein körperlicher Zustand allerdings in einen beziehungsvollen Text eines Liedes, eines Gedichtes oder eines Kinofilms verpackt, zum Beispiel "Mir geht es wie Michel Piccoli in ,Das große Fressen‘", dann könnten Facebook-Freunde den Gedanken weiterspinnen: "Ich hoffe, du kannst es mit Klaviermusik übertönen."
Fotos oder Links würden solchen Dialogen eine zusätzliche Attraktivität verleihen . . .

Die Tipps in "Schreiben unter Strom" von Stephan Porombka
sind brauchbar, die Textbeispiele vergnüglich. Vielleicht hilft das
Buch dem einen oder anderen, sich auf Facebook und Co. besser zu präsentieren. "Es geht darum", so Porombka, "die Facebook-Seite als großen Schreib- und Produktionsraum zu begreifen, in dem man die Vorgaben des Mediums nutzen kann, um eigene Erzählformate zu entwickeln".

Ob wir diese Medien überhaupt brauchen, ist eine andere Frage. Einer, der sich in seinen Kabarettprogrammen über Facebook häufig lustig macht, ist Michael Niavarani. "Ich habe hineingeschrieben: ,Juhu, drei Wochen Griechenland!‘ Wie ich heimgekommen bin, war die Wohnung leer . . . Da hab ich mir gedacht: Das ist ein Zeichen, ich lass ausmalen!" Er fragt über Facebook "Kennt jemand gute Maler?" und bekommt Antworten wie Picassso, Michelango u.s.w. Schließlich wird ihm über sieben Ecken ein Pole,
ein Schwarzarbeiter, empfohlen. "Wissen S’ wie arg Facebook is?

Das war derselbe, der mir s’ ausgräumt hat aa." Niavarani betreibt wirklich eine Facebook-Seite. Dort kündigt er seine Auftritte an - zur Freude aller Fans. Der Kabarettist, Schauspieler und Buchautor hat für seine Seite sage und schreibe 300.000 Mal ein "Gefällt mir" bekommen. Er weiß also, worüber er witzelt. Annähernd so viele "Gefällt mir" hätte ich auch gerne.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-15 17:15:52
Letzte Änderung am 2018-05-22 16:57:59


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