• vom 16.05.2018, 15:57 Uhr

Glossen

Update: 22.05.2018, 17:04 Uhr

Maschinenraum

Geschmacksfragen




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Musik ist eventuell die menschlichste aller Kunstformen. Aber bald mischen auch hier Maschinen entschieden mit.



Na, schon eine Einladung erhalten? Freilich nicht zur Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle, die würde ich glatt an die nächste "Goldenes Blatt"-Abonnentin verschenken. Die Rede ist vom grassierenden "Poste Deine Lieblingsalben"-Fieber auf Facebook, wo man von Freunden - eventuell auch von Feinden - dazu vergattert wird, seinen höchstpersönlichen Musikgeschmack offenzulegen. Das passiert simplerweise, indem man zehn Covers von zehn Pop-, Rock- oder Jazz-Alben, die einem immer noch etwas bedeuten, kommentarlos online stellt. Und vice versa wieder zehn Pappenheimer nominiert, die es einem gleichtun sollen. Das Kettenbrief-Prinzip feiert solchermaßen fröhliche Urständ’. Aber soll uns nix Schlimmeres zustoßen, als dass die Cyberspace-Arena überquillt vor Meisterwerken der Musik!

Wirkliche kollaterale Freude bereitet die ganze Chose aber erst dann, wenn man seine Greatest Hits mit Kommentaren versieht, die zu nachgerade intimen Bekenntnissen werden. Vor allem dann, wenn man nicht durch Herunterbeten des Popkultur-Kanons langweilt. Die englische Sprache hält dafür den Ausdruck "Guilty Pleasures" parat, heimliche Laster also. Im musikalischen Bereich sind das Ohrwürmer oder Lieblingsalben, für die man sich eigentlich geniert - weil sie trivial sind, längst aus der Mode gekommen oder von Künstlern stammen, die nicht zu den Säulenheiligen der Geschmackssicherheit zählen. Insofern bereitet es doppelt und dreifach Freude, wenn sich Menschen öffentlich - und aus Gründen - zum Electric Light Orchestra, zu einer "Kuschelrock"-Compilation oder zu Yung Hurn bekennen.


Wenn sich Musik so einbrennt in die Gehirnwindungen, dass sie einen über Jahrzehnte hinweg nicht loslässt, ist das ein bemerkenswertes Phänomen. Über das Warum und Wie, das Hits nicht nur zu kurzfristigen Begleitern macht, sondern zu ewigen Evergreens und Lebensmelodien, rätseln hochbezahlte A&R-Manager der Musikindustrie seit jeher. Immer wieder gab es auch strikt wissenschaftliche Versuche, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen - bestimmte Akkordabfolgen und Tonkombinationen sind wirkungsmächtiger als andere (was schon Johann Sebastian Bach wusste), Moll und Dur greifen je nach Stimmung des Rezipienten, die Ausstrahlung des Interpreten spielt genauso mit wie die Rhythmik des Songs. Letztlich stochert man aber, wie aktuell eine Analyse der University of California mit einem Sample von einer halben Million Songs zeigt, weiterhin im Nebel der Ungewissheit.

Ist das nicht eigentlich wunderbar, weil zutiefst menschlich? Man stelle sich das Gegenteil vor: eine hundertprozentige Treffsicherheit für Hits vom Fließband, bestimmt von Software-Algorithmen. Oder schlichtweg der größte gemeinsame Nenner aus der Konsumenten- & Fan-Big-Data-Wolke. Derlei aber ist (und es ist längst kein Geheimnis mehr) der heißeste Trend in der Musikindustrie: A&R-Entscheidungen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Freilich bin ich mir nicht sicher, ob die Geschmacksroboter zum Beispiel Kraftwerk unter Vertrag genommen hätten.




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Maschinenraum, Kolumne, Glosse

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-16 16:03:55
Letzte Änderung am 2018-05-22 17:04:01


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