• vom 19.05.2018, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

"Der Alte"




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Bob Dylan macht jetzt Whiskey.

Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur der Wiener Zeitung. Arbeitsschwerpunkt: Pop.

Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur der Wiener Zeitung. Arbeitsschwerpunkt: Pop. Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur der Wiener Zeitung. Arbeitsschwerpunkt: Pop.

Wo sind eigentlich die Zeiten hin, in denen Musiker noch vor allem als Schnapskonsumenten aufgefallen sind? Oder sie sich zumindest auf ein Weingut in der Toskana als finanziellen Bodensatz einer vielleicht einmal ins Torkeln geratenden Karriere und gleichzeitiges Rückzugs- und Erholungsgebiet beschränkt haben? Heute genügt das ja eher nicht mehr. Man muss schon ins Geschäft der Whiskey-, Tequila- oder Vodka-Hersteller einsteigen, sofern man nicht von der Schauspielerei her kommt, Danny DeVito heißt und es wie dieser einst mit seiner eigenen Limoncello-Marke etwas ausgefallener anlegt.

Auch Rapper Jay-Z fällt einem ein. Der hat sein Vorleben als rechtschaffener Drogendealer auf den harten Straßen von Brooklyn längst gegen ein gemütliches Dasein als Beinahe-Milliardär eingetauscht und handelt neben seiner Erwerbsquelle Numero uno (nennen wir den Mann einen Hip-Hop-Mogul) als Gatte einer gleichfalls sehr vermögenden Frau (Beyoncé - die phonetische Ähnlichkeit mit dem Wort "Bonze" kann kein Zufall sein!) heute nur mehr mit Champagner. Überliefert ist ein 200-Millionen-Dollar-Investment in den Hersteller Armand de Brignac im Jahr 2014. Der Sprudel wird vor allem von neureichen Protzern getrunken, die sich unsere Wohnung, unser Haus und unsere Leben kaufen, wenn wir ihnen blöd kommen (ich bin ja schon still!).

Mit satanischen 66,6 Volums-prozenten Alkohol nach wie vor
eine Erwähnung wert ist Marilyn Mansons 2007 eingeführte Absinth-Hausmarke Mansinthe, die vielleicht noch über jene Härte verfügt, die dem vormaligen "Schockrocker" für Halbstarke künstlerisch niemand mehr zutraut. Über einen möglichen Zusammenhang mit dem Wort "Blindverkostung" ist an dieser Stelle nur zu mutmaßen, dass es eventuell sehr schnell mit dem Augenlicht vorbei sein könnte, wenn man sich das Teufelszeug rein-stellt. Allerdings gilt die Sonne im Orden Manson sowieso als eher unbeliebt. In ihrem Angesicht zerfallen Untote zu Staub.

Jetzt jedenfalls neu im Sortiment, beziehungsweise ab kommendem Montag im Handel erhältlich: "Heaven’s Door", die preislich in drei Varianten auf 50 bis 80 US-Dollar angelegte Whiskey-Marke Bob Dylans, über deren Namen man wissen sollte, dass "Knockin‘ On Heaven’s Door" ein Lied über das Sterben ist. Vermutlich macht der Brand von His Bobness dann aber eh nur einen Mordstrumm Kater, wenn man es mit ihm übertreibt.

PR-technisch vorteilhaft hingegen die Bezeichnungen Dylans vonseiten des Publikums und der Kritik: "Alter Meister" und "Der Alte", das projiziert genau jene Reife auf das Produkt, die so ein Whiskey im Regelfall braucht. Von den neuen Perspektiven für die Dylanologie hinsichtlich der Deutbarkeit von Stücken wie "A Hard Rain’s A-Gonna Fall" jetzt einmal ganz abgesehen.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-17 15:42:51
Letzte Änderung am 2018-05-17 15:48:25


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kaffeehaus- und Grabbesuche
  2. Der Jogger muss doch auch nicht im Schritttempo laufen
  3. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
  4. Nur eine Volksabstimmung kann das Rauchverbot noch verhindern
  5. Stoff geben
Meistkommentiert
  1. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
  2. Vorweihnachtszauber
  3. Nur eine Volksabstimmung kann das Rauchverbot noch verhindern
  4. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
  5. Wer zuckt, verliert

Werbung




Werbung