• vom 20.05.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Erste Treffen, peinliche Pausen




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Unlängst erhielt ich die Aussendung einer Partneragentur, die Tipps für die erste Verabredung anbot. Unwillkürlich musste ich an eine Szene im Film "Mach’s noch einmal, Sam" denken, in der Woody Allen in aller Eile sein Wohnzimmer zurechtmacht: Ein Freundespaar hat für ihn ein Treffen mit einem Mädchen eingefädelt, nachdem seine Frau ihn verlassen hat. Woody ist schrecklich aufgeregt, will einen unwiderstehlichen Eindruck auf die Unbekannte machen, verteilt hierfür Zeitschriften und Bücher aufgeschlagen im Raum und platziert eine zuvor gekaufte Medaille für einen Hundertmeterlauf auf dem Tisch. Als das Mädchen erscheint, bringt er vor lauter Nervosität keinen vernünftigen Satz heraus und vermasselt das ganze Vorhaben gründlich.

    Hätte er nur von den Ratschlägen der Agentur gewusst. Am besten sei es demnach, durch die Stadt zu flanieren, einen Spaziergang im Grünen zu unternehmen oder eine Ausstellung zu besuchen - so ließen sich auch mögliche Gesprächspausen leichter überbrücken, als wenn man einander in einem Lokal gegenübersitzt. Ist allerdings das richtige Thema gefunden, so sollte dem näheren Kennenlernen nichts mehr im Wege stehen.

    Dafür wartet die Agentur mit den Ergebnissen einer Befragung auf. Demnach unterhalten sich Herr und Frau Österreicher beim ersten Treffen am liebsten über gemeinsame Interessen. Das ist nun keine echte Überraschung. Allerdings sollte man solche in gemessener Zeit aufspüren oder die Lage über eine entsprechende Kennenlern-Plattform bereits sondiert haben. Mit großem Abstand folgen die Themengebiete Reisen, Arbeitsleben sowie Pläne und Träume. Wobei mit Letzterem wohl nicht die Scheinerlebnisse während des Schlafs gemeint sind, sondern eher eigene Wunschvorstellungen.

    Weit hinten wiederum rangiert die hypothetische Frage "Was würde man bei einem Lottogewinn tun?". Eigentlich schade, könnte die Antwort darauf doch allerlei Aufschlüsse über den möglicherweise künftigen Partner liefern.

    Die allerwenigsten sprechen beim ersten Rendezvous über den Ex-Partner. Das ist auch gut so, die Verflossenen erweisen sich in der Regel als absolute Stimmungskiller. Ganz unten auf der Liste findet sich auch das Thema Tod. Klar, das wird auch sonst gerne ausgeblendet. Immerhin eine von hundert Frauen greift es laut Befragung beim ersten Aufeinandertreffen auf. Unter den Männern sind es zwei von hundert. Und einen davon könnte ich jetzt schon benennen: Woody Allen, dessen Filme zum Großteil von Liebe und Tod handeln.

    Und auch in der Kategorie "Ein peinliches Erlebnis erzählen", auf die immerhin jeder zehnte Mann beim ersten Treffen zurückgreift, wäre Allen bestens bewandert. Aber wie wir wissen: Es gibt in der Liebe zahllose Wege, die ans Ziel führen - auch die Schilderung eines nächtlichen Traums oder eine zunächst peinliche Gesprächspause gehören dazu.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-17 15:42:54
    Letzte Änderung am 2018-05-17 15:53:10


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