• vom 17.05.2018, 18:02 Uhr

Glossen


#metoo

Japans Journalistinnen revoltieren








Von Alexander U. Mathé

  • Entdeckungen
  • Ein Frauennetzwerk will gegen sexuelle Belästigung aktiv werden.

Alexander U. Mathé

Alexander U. Mathé Alexander U. Mathé

"Wenn wir die Medien verändern, können wir dazu beitragen, die Gesellschaft zu verändern", sagt Yoshiko Hayashi. Sie ist eine japanische Journalistin und hat die Schnauze voll von sexuellen Übergriffen auf ihre Kolleginnen und Frauen generell. Sie ist eine der Mitbegründerinnen der Gruppe "Women in Media Network Japan", die derzeit mehr als 86 Mitglieder zählt. Sie haben der sexuellen Belästigung in Japan den Kampf angesagt. Damit hat die #metoo-
Bewegung in Japan einen starken Protagonisten - wenn auch verspätet. Denn der Aufschrei, mit dem Frauen seit Herbst vergangenen Jahres weltweit das Schweigen über sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe brechen, war in Japan kaum zu hören. Das liegt aber wohl nicht daran, dass die Männer dort gesitteter sind als anderswo. Es gibt Anzeichen, dass eher das Gegenteil der Fall sein dürfte. Ein Beispiel: Weil manche Japaner das Gedränge in Zügen nutzten, um Japanerinnen an ihre Geschlechtsteile zu fassen, wurden bereits vor mehr als 15 Jahren eigene Waggons nur für Frauen eingeführt. Hinzu kommt, dass in Japan eine ausgeprägte Kultur der Scham vorherrscht. Frauen schweigen dort noch mehr als in unseren Breitengraden, weil sie ansonsten von einem Teil der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Das Fass zum Überlaufen brachte für Hayashi und ihre Mitstreiterinnen offenbar der Fall des Ex-Staatssekretärs im japanischen Finanzministerium. Im Boulevardmagazin "Shukan Shincho" beschuldigten ihn mehrere anonyme Journalistinnen der sexuellen Belästigung. Der Staatssekretär bestritt die Vorfälle und kündigte rechtliche Schritte an. Erst nachdem das Magazin den Tonbandmitschnitt einer der Journalistinnen veröffentlichte, trat er zurück. "Alle japanischen Journalistinnen sind schon einmal sexuell belästigt worden, ich glaube, da gibt es keine Ausnahme", sagte Hayashi. "Aber sie schweigen aus Angst, den Kontakt zu ihren Quellen zu verlieren." Begrapschen auf dem Rücksitz eines Taxis, Anzüglichkeiten, Fragen nach dem Privatleben: All das geschehe hinter den Kulissen, wenn man als Journalistin mit Politikern arbeite. Wie verfahren das System ist, kann man allein schon darin erkennen, dass der Sender der Journalistin des Tonbandmitschnitts dieser vorwarf, ihr Recherchematerial Dritten zugänglich gemacht zu haben. Zudem gab ihr Arbeitgeber zu, er habe ihr geraten zu schweigen. Dazu erklärte noch Finanzminister Taro Aso: "So etwas wie sexuelle Belästigung gibt es nicht (im japanischen Strafrecht, Anm.)." Vor Hayashi liegt also noch ein weiter Weg, aber auch der beginnt bekanntlich mit einem ersten Schritt. Der soll nach Wunsch der Gruppe die Errichtung einer Beratungsstelle für sexuell belästigte Frauen in Japan sein.

Yoshiko Hayashi.

Yoshiko Hayashi.© afp Yoshiko Hayashi.© afp






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Dokument erstellt am 2018-05-17 18:09:55


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