• vom 23.05.2018, 16:33 Uhr

Glossen

Update: 24.05.2018, 17:37 Uhr

Maschinenraum

Wie man in den Wald hineinruft




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (89)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Aus datenschutzrechtlichen Gründen weisen wir Sie auf Irritationen hin, denen Sie durch das Lesen dieser Glosse implizit zustimmen.



Vorweg: Die folgenden Zeilen stammen nicht aus meiner Feder. Ich teile sie dennoch. In jeder Hinsicht. "Liebe Freunde! Das ist mein letzter Newsletter. Die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung gilt ab 25. Mai und verbietet mir, zukünftig meinen Newsletter wie gewohnt zu mailen. Das Europäische Parlament will uns beschützen - vor Datenmissbrauch, vor Verlust der Privatsphäre. Ein gut gemeinter bürokratischer Versuch, die Freiheit der europäischen Bürgerinnen und Bürger zu retten. Das Gegenteil von ,gut‘ ist meistens ,gut gemeint‘. Bei Androhung absurd hoher Geldstrafen sehe ich mich einem undurchsichtigen Dschungel an Verboten und Vorschriften gegenüber. Mir ist die Lebenszeit zu kostbar, um mich intensiv mit der Frage zu beschäftigen: Darf ich überhaupt, und wenn ja, wie wäre es legal, einen Newsletter an 3.000 Kunden, Freunde und Kooperationspartner zu versenden!? Wären da nicht zugleich so viele staatliche Eingriffe in unser intimstes Privatleben - Überwachungskameras an jeder öffentlichen Ecke, Datensammlungen und -auswertungen, kleine und große Lauschangriffe -, ich würde mich glatt über so viel politische Fürsorge freuen. Im Kontext betrachtet, empfinde ich dieses Gesetz als stümperhafte, heuchlerische Schikane. Ein Angriff auf’s größte Kapital der Einzelunternehmer und Künstler: Unser Beziehungsnetzwerk. Ich hab es satt, als Einpersonenunternehmer vom Gesetzgeber ständig einem Konzern gleichgestellt - und somit diskriminiert - zu werden, ich habe es satt, mich mit unnötigen, bürokratischen Dummheiten abzumühen, ich hab es satt, meine wertvolle, begrenzte Lebenszeit mit sinnlosem Verwaltungskrempel zu verplempern. Ich konzentriere mich lieber auf meine Kunden, Arbeit, Familie, Freunde und Kunst. Relevante Informationen findest Du auch zukünftig auf meinen beiden Homepages, bitte einfach selber darum kümmern. Freue mich über altmodische Anrufe, Papierbriefe, E-Mails, Treffen beim Heurigen und im Kaffeehaus. Bis bald im Wald!" Ende der Durchsage. Diese Depesche ist real, sie ist eine von hunderten Botschaften, Nachfragen und sonstigen Mails, die zum Thema EU-DSGVO in meinem Elektropostfach gelandet sind. Es herrscht eine Art Torschlusspanik vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes, die von Facebook abwärts (das immer dringendere, immer drängendere Aufforderungen aufpoppen lässt) bis hin zu Ein-Personen-Hobby-Unternehmen auf kaum je dagewesenen Unwägbarkeiten beruht. Millionenstrafen!, plärrt es an allen Ecken und Enden. Sperre! Totale Transparenz! Nun: Man kann den Dichter und Denker, der sich hier gefrustet in den Wald verzupfen will (ich nenne keinen Namen, lade ihn aber gerne für das Zeilenhonorar auf ein Abendessen ein!), für einen irrationalen Gemütsmenschen halten, für einen Sonderling, für eine wahre Künstlernatur. Ist er auch. Aber er steht für jenen Teil der Menschheit, der instinktiv auf ein "Monster" (so das Wirtschaftsmagazin "Trend") reagiert. Es wird nun jede Menge Experten, Beraterinnen, Datenschützer und sonstige Auskenner geben, die darauf hinweisen, dass z.B. E-Newsletter schon seit vielen Jahren strengen Regeln unterliegen. Und. Überhaupt. Sie werden in den Wald hineinrufen. Aber, mag sein, es schallt nur Schweigen zurück.





Schlagwörter

Maschinenraum

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-23 16:40:01
Letzte Änderung am 2018-05-24 17:37:09


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Unter Freunden
  2. Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch
  3. Einfach einmal zuhören
  4. "Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"
  5. Hoch hinaus
Meistkommentiert
  1. Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch
  2. "Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"
  3. Oldies, but Goldies
  4. Unter Freunden


Werbung